Rolf Gerich hat das Gesicht Weingartens geprägt

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Polit-Prominenz zu Gast in Weingarten: Bischof Walter Kasper, Oberbürgermeister Rolf Gerich (†), Marianna von Weizsäcker, Bundes (Foto: N. Deobald/Band "Weingarten")
Schwäbische Zeitung
Anton Wassermann

Fast 21 Jahre ist es her, dass Rolf Gerich aus dem Amt des Oberbürgermeisters von Weingarten verabschiedet worden ist. Und doch hat sich der erste Ehrenbürger der Stadt so nachhaltig ins öffentliche Gedächtnis eingeprägt, dass sein Name auch jenen ein Begriff ist, die ihn nicht mehr in Amt und Würden erlebt haben. Entsprechend groß ist die Trauer um Rolf Gerich, der am vergangenen Sonntag im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit gestorben ist.

Zuzuschreiben ist Gerichs Beliebtheit nicht zuletzt dem Umstand, dass dieses Stadtoberhaupt die Würde seines Amtes nicht wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat. Vielmehr verstand er sich als Manager eines öffentlichen Dienstleistungsbetriebs. „Zuerst kümmern wir uns um vernünftige Lösungen, dann suchen wir die dazu passenden Paragrafen und Vorschriften“, hat Gerich gern seine Handlungsmaxime umschrieben.

Angeeignet hat er sich diesen Pragmatismus sicher in seinen verwaltungstechnischen Lehrjahren von 1945 bis 1951 in seiner Geburtsstadt Friedrichshafen, als die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs mit viel Improvisationskunst aufgearbeitet werden mussten.

Abstecher nach England und USA

Maßgeblich geprägt haben ihn aber auch kurze berufliche Abstecher nach England und in die USA, wo er den hemdsärmeligen Umgangston in dortigen Unternehmen kennengelernt hat. Wie man politisch geschickt agiert, konnte Rolf Gerich beim legendären Ravensburger Oberbürgermeister Dr. Albert Sauer zwischen 1951 und 1961 erfahren. Er war dort nicht nur Leiter der städtischen Liegenschaften und Ratsschreiber, sondern auch engster persönlicher Mitarbeiter Sauers.

Dass Gerich nach zehn Jahren als Stadtkämmerer nach Weingarten wechselte, hat ihm Sauer lange übelgenommen. Zu seinen Aufgabenbereichen gehörten nun die Aufsicht über das städtische Krankenhaus und die kaufmännische Leitung der Stadtwerke. Er stieg zum Ersten Beigeordneten und damit Stellvertreter des Bürgermeisters Richard Mayer auf.

Als Weingarten um den Erhalt seiner Selbstständigkeit kämpfte, stand Rolf Gerich mit in vorderster Reihe. In scheinbar aussichtsloser Position vertrat er zusammen mit seinem späteren Stellvertreter Dieter Müller die Stadt vor dem Staatsgerichtshof. „Wir gaben uns nach außen hin siegessicher, hätten aber nie damit gerechnet, dass das Gericht den Stuttgarter Regierungsbeschluss zur Bildung einer Bandstadt im Mittleren Schussental kippen würde“, gestand er später ein. Daher nahm er auch ein Angebot an, als Geschäftsführer an eine große Klinik in Regensburg zu wechseln. Doch Weingarten blieb selbstständig. Und im selben Jahr musste ein Nachfolger des schwer erkrankten Oberbürgermeisters Richard Mayer gewählt werden.

Wahl wurde angefochten

Also sagte Gerich in Regensburg ab und stürzte sich in den Wahlkampf. „Meine Frau war alles andere als begeistert“, erzählte Gerich später oft: „Unser Privatleben änderte sich schlagartig. Nicht nur, dass wir unsere Kinder an auswärtige Schulen schicken mussten. Wir haben auch alle persönlichen Freundschaften in der Stadt gekappt, weil ich das in diesem Amt für unabdingbar gehalten habe.“ Zwar schenkten ihm 80 Prozent der Wähler 1976 ihr Vertrauen. Aber ein angesehener Weingartener Bürger glaubte ihm die Geschichte mit dem ausgeschlagenen Posten in Regensburg nicht und focht die Wahl an – durch alle Gerichtsinstanzen.

So kam es, dass Rolf Gerich 15 Monate als Amtsverweser fungieren musste, ehe er offiziell als Oberbürgermeister eingesetzt wurde. Sein Widersacher brachte sich um Ansehen und sein gesamtes Vermögen. Aber auch beim Sieger blieben Narben zurück, die lange schmerzten.

Das hinderte Rolf Gerich nicht daran, das nach wie vor dörflich strukturierte Weingarten mit einer umfassenden Innenstadtsanierung gründlich umzukrempeln. In Rekordzeit und einvernehmlich mit allen Beteiligten wurde dieses Vorhaben umgesetzt. Dank seiner guten Drähte zu den Ministerien und den zuständigen Stellen beim Regierungspräsidium in Tübingen konnte er staatliche Fördertöpfe anzapfen, ehe andere Städte entsprechende Anträge stellten.

„Gerich ließ seinen Stadtbaumeister Richard Bucher Konzepte für die Schublade entwerfen, die wir im Gemeinderat in dem festen Glauben gebilligt haben, dass eh nichts daraus werden kann, weil Weingarten für solche Vorhaben kein Geld hatte“, erzählte ein altgedienter Stadtrat einmal in geselliger Runde. Doch mit dem Ergebnis waren am Ende alle einverstanden: Sei es nun der neu entstandene Löwenplatz mit dem sanierten Kornhaus oder der Straßentunnel unter dem Münsterplatz.

Ähnlich verfuhr er, als die alte Stadthalle vor der Schließung stand, weil die marode Bühnentechnik vom TÜV zwangsweise außer Betrieb gesetzt wurde. Formal galt es, die Stadthalle zu sanieren. Herausgekommen ist am Ende ein Kultur- und Kongresszentrum mit Konferenzhotel. 24 Millionen Mark an öffentlichen Geldern flossen in dieses Projekt. „Mit den Kostenüberschreitungen beim Bau des Graf-Zeppelin-Hauses in Friedrichshafen hätten wir mehrere solcher Häuser bauen können“, relativierte Gerich diesen finanziellen Aufwand. Auch hierfür holte er viele staatliche Zuschüsse nach Weingarten, so dass am Ende noch der Bau einer öffentlichen Tiefgarage möglich wurde.

Ein Genie und ein Schlitzohr

Ein Geniestreich Gerich'scher Schlitzohrigkeit war aber auch die private Finanzierung des Hotelbaus und der Umstand, dass Mövenpick hier eingestiegen ist. Beispiellos war ferner die von ihm ausgehandelte öffentlich-private Kooperation beim Betrieb des Hauses. Trotz vielfacher Kritik läuft sie auch unter dem neuen Hotelbetreiber weiter.

Erfolgreich gekämpft hat Rolf Gerich ferner um den Erhalt des mehrfach von Schließung bedrohten Krankenhauses 14 Nothelfer. Er drückte die erforderliche bauliche Sanierung in den 1970er- und 1980er-Jahren durch, kümmerte sich aber auch persönlich darum, dass das wichtigste Kapital, nämlich ein gutes Betriebsklima und das Vertrauen der Bevölkerung, erhalten geblieben ist. Gerich war sich nicht zu schade, die an diesem Haus lange Jahre tätigen Ordensschwestern bei ihrem jährlichen Betriebsausflug im städtischen Kleinbus persönlich zu chauffieren.

In 16 Amtsjahren hat dieser Oberbürgermeister nie die Bodenhaftung verloren. Er war kein geschliffener Diplomat; aber er konnte auch mit einfachen Worten überzeugen und andere für seine Anliegen begeistern.

Er kannte seine fachlichen Grenzen und hat den jeweiligen Experten nie hineingeredet. Gerich brachte seinen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern Vertrauen entgegen und wusste sie zu motivieren. „Von Kultur versteh’ ich nichts. Aber ich weiß, wie wichtig sie für eine Stadt wie Weingarten ist“, pflegte er zu sagen. Hier wie in anderen Bereichen besaß er einen untrüglichen Blick für das Wesentliche.

Daher haben viele Weingartener diesen Mann als Glücksfall für ihre Stadt empfunden und werden ihn lange in dankbarer Erinnerung behalten.

Abschiedsgebet ist am Donnerstag, 28. Februar, um 18.15 Uhr, Requiem am Freitag, 1. März, um 13 Uhr, jeweils in der Basilika Weingarten. Die Urnenbeisetzung findet zu einem späteren Zeitpunkt im engsten Familienkreis statt.

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