Robotik auf dem Vormarsch

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Maik Winter (rechts) macht sich Gedanken über die Überalterung der Gesellschaft und die Konsequenzen daraus. Er war einer der er (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Bei allem Ernst des Themas hat es am Freitagabend im Weingartener Kulturzentrum Linse Momente gegeben, in denen das Publikum im voll besetzten großen Saal herzhaft lachen konnte. Momente, die situationskomisch anmuteten, weil sie über die eigene Vorstellung eines zukünftigen Lebens mit Robotern hinausgingen.

Mit einem schlichten „Guten Abend, meine Damen und Herren“ stand Moderator Wolfram Frommlet am Bühnenrand und freute sich mit am meisten, dass sein neues Format „Forschung im Gespräch“ bei der Premiere so große Resonanz erfuhr. Es werde keine Kinder-Uni für Erwachsene, schickte er voraus und hielt Wort. Mit seinen beiden Gästen Wolfgang Ertel und Maik Winter von der Hochschule Ravensburg-Weingarten wusste er die Horrorvisionen vor der so genannten Künstlichen Intelligenz (KI) und dem prognostizierten Generationenkollaps transparenter zu machen. Ertel auf dem Gebiet der Robotik und Winter im Bereich der Gerontologischen Pflegewissenschaft tätig, haben mit viel Sachverstand und redegewandtem Esprit ihre Zuhörer sensibilisiert. Musiker Andieh Merk steuerte multimediale Klangkulissen gegenüber akustisch Handgemachtem via Saxophon bei. So höre sich das an, wenn es keine Sinfonieorchester mehr gäbe, scherzte Frommlet.

Wirklich nur ein Scherz?

Beim Anblick der eingeblendeten Filmausschnitte mit Industrierobotern, die nonstop Autoteile montieren, mit solchen, die monsterhaften Spinnen ähneln, lautlos durchs Gelände staksen und deren Entwicklung in Amerika vor allem von der Rüstungsindustrie gefördert wird, mit Service- und Assistenzrobotern kann dem Außenstehenden schon recht mulmig zumute werden. Auf Frommlets Frage, was denn nun künstliche Intelligenz bedeute, reagierte Ertel mit der Definition der amerikanischen Autorin Elaine Rich: „KI beschäftige sich damit, Maschinen Dinge beizubringen, die wir Menschen heute noch besser können.“ Zum Beispiel Kaffee kochen. Aber, glaubt man der Forschung, nicht mehr allzu lange. „Make coffee!“, instruiert eine Person im Film einen Roboter, dessen nette Frauenstimme hilfsbereit auf Englisch antwortet. Und nach dem dritten Anlauf der gelenkige Metallarm die Kaffeemaschine korrekt bedient mit einem „Well, that´s it“. Das ist die Zukunft der Robotik, die sich aber auf Grund der vielen einzuprogrammierenden Eventualitäten recht schwierig gestalte.

Im Falle der angesprochenen Ameisenroboter, die in gigantischen Lagerhallen zum Einsatz kommen sollen, ohne je an einem Burnout zu erkranken, stelle sich unabhängig vom Nutzen die Systemfrage innerhalb einer Demokratie. Notfalls müssten die Menschen auf die Straße gehen und protestieren, machte Ertel deutlich.

Die Alten bleiben, was tun?

Rund um die Panikmache einer aus dem Ruder laufenden demografischen Entwicklung in Deutschland nahm Maik Winter einigen Horrorvisionen die Spitze. Statt „die“ Alten über einen Kamm zu scheren, differenzierte er zwischen den „jungen Alten“ (60 bis 79 Jahre), den „Hochaltrigen“ (80 plus) und der mittlerweile dramatisch wachsenden Gruppe der „Höchstaltrigen“ über 100 Jahren. Angesichts der laut Prognose bis 2050 auf zwei Milliarden ansteigenden Alten-Generation stelle sich die Frage nach der Finanzierung des Beitragssystems. Winters Pointe, dass die Geburtenrate hier so niedrig sei wie im Vatikan, hatte die Lacher auf ihrer Seite. Klarer ausgedrückt: „Die Jungen haben ein Problem mit der Reproduktion“, womit er die nicht ausreichenden Betreuungsplätze für die unter Dreijährigen ansprach und das einen „Skandal für den Sozialstaat“ nannte.

Als künftige Problemfälle führte er zum Thema Altersarmut Alleinerziehende und hochbetagte Frauen an, die nicht in die Rentenkasse eingezahlt haben. Ebenso zögen die Einkindfamilien den Kürzeren. Wer künftig im Unterschied zu den heutigen alten und pflegebedürfigen Menschen den Längeren ziehe, seien die noch Jungen. Sie seien mit den neuen Techniken aufgewachsen und hätten in der Zukunft kein Problem mit Servicerobotern.

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