Reverenz an die deutsche Barockmusik

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Sichtlich wohl fühlte sich der Brite Alexander Flood an der Gabler-Orgel. Da er Verwandtschaft in Stuttgart hat, lernte er auf e
Sichtlich wohl fühlte sich der Brite Alexander Flood an der Gabler-Orgel. Da er Verwandtschaft in Stuttgart hat, lernte er auf einer Reise ins Allgäu schon früher mal Weingarten kennen, auch dessen Orgel bei einem Konzert seines alten Musikprofessors John Wellingham. (Foto: Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Zu Besuch an der Gabler-Orgel war diesmal der Brite Alexander Flood, der an der mittelalterlichen St. Peter Church in St. Albans, 30 Kilometer nördlich von London gelegen, als Organist tätig ist und dort eine moderne Orgel spielt. So war der Weingartener Barockraum mit seiner zeitgleichen Orgel etwas faszinierend Anderes für den 1977 geborenen Organisten, Komponisten und Dirigenten, der in Oxford und London ausgebildet wurde und auch schon oft in Deutschland Konzerte gegeben hat. Sein Programm umfasste vor allem deutsche Komponisten, aber auch Werke von Nicolas Strodgers und Henry Purcell.

Eröffnet wurde das Konzert mit Dieterich Buxtehudes „Ciaccona in e“, die der dänisch-deutsche Komponist um 1690 komponiert hat. Sehr getragen und von eher trockener Machart – man möchte ja nicht gleich norddeutsch dazu sagen – bildete sie vor allem zu dem folgenden, 100 Jahre älteren Stück „Fantasia“ von Nicolas Strodgers, der zwischen 1560 und 1575 in London wirkte, einen starken Kontrast. Diese noch von der Renaissance geprägte, sehr verhaltene und für Cembalo geschriebene Komposition trug fast altertümliche Züge, zwar polyphon, aber innerhalb einer geringen Tonbreite. Auch Henry Purcells um 1680 entstandenes „Voluntary G-Dur“ war von einem anderen Geist geprägt: Dumpf, leise und gesanglich, mit vielen kleinen Verzierungen kam diese „Improvisation“ daher, erst allmählich brach sie zu einer fröhlicheren Tonart mit Flötenregister auf.

Johann Kuhnau war Komponist und Schriftsteller und wirkte in Leipzig und Zittau; im Jahr 1700 schrieb er „Sechs biblische Sonaten“, die man getrost als Programmmusik bezeichnen kann. Die erste unter dem Titel „Der Streit zwischen David und Goliath“ schildert in acht einzelnen Szenen den dramatischen Kampf zwischen Israeliten und Philistern. Wie auf großen Tatzen kommt die Musik daher, wenn zunächst der Riese Goliath „pocht und trotzt“ vor Kampfeslust. Die „Unda maris“ versinnbildlichte das Zittern der Israeliten und der anklingende Luther-Choral „Aus tiefer Not“ beförderte noch diese Stimmung. Hell tönend wurde Davids Mut geschildert, während die Streitworte Goliaths mit Bombard-Bassregister imitiert wurden. Köstlich die Texte, zum Beispiel zur „Flucht der Philister, ingleichen wie ihnen die Israeliten nachjagen, und sie mit dem Schwerte erwürgen“ – da ging wohl einiges im literarischen Impetus daneben. In freudig-festlichem, mit Carillon untermaltem Duktus wurde das Werk beendet.

Noch einmal zu Purcell zurück mit dem „Voluntary d-moll“, diesmal rhythmisch konträr und in widerstreitenden Stimmen aufgebaut. Danach Johann Pachelbels acht Partiten über den Choral „Alle Menschen müssen sterben“ von 1683, die trotz ihrer Dissonanzen und schwergängigen Tonfolgen durch zahlreiche Registerfarben hin und wieder etwas aufgehellt wurden.

Höhepunkt erklingt zum Schluss

Der absolute Höhepunkt erwartete das zahlreiche und konzentrierte Publikum aber zum Schluss: Bachs berühmte „Chaconne“ aus der Violin-Partita II d-moll von 1720, arrangiert für Orgel von Alexander Flood. Die schöne Melodieführung über den Akkorden der Basslinie, das präzise Auf- und Absteigen der Stimmen – so viele können auf der Violine allein nicht erzeugt werden – , das Aufblühen der wechselnden Stimmungen, das lange musikalische Nachsinnen, von wuchtigem Plenum durchwoben: ganz sicher eine herausragende Bearbeitung dieses Bach-Werkes, das sich allein eigentlich immer genug ist und doch nie so universell und allumfassend erschien wie an diesem Sonntag auf diesem wunderbaren Instrument.

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