Polizei erfährt erst nach 30 Minuten vom Amokalarm

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Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz.
Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. (Foto: Oliver Linsenmaier)
Schwäbische Zeitung
Online-Redakteurin

Vor drei Jahren hatte eine Häufung von Amok-Fehlalarmen an Schulen im Schussental und Landkreis Ravensburg monatelang die Verantwortlichen beschäftigt. An der Kuppelnauschule Ravensburg, am Gymnasium Weingarten, an den Ravensburger Gymnasien und auch in Wilhelmsdorf und Wangen hatten die Fehlalarme jeweils Großeinsätze der Polizei ausgelöst und Rektoren, Schüler, Lehrer und Eltern in Aufregung versetzt. Ravensburg hatte zu dem Thema sogar eigens einen „Runden Tisch“ einberufen, um die Vorfälle aufzuarbeiten.

Die psychische Belastung während der Polizeieinsätze ist jedes Mal enorm. Bis zu 200 Polizisten sind vor Ort, denn im Falle eines Amokalarms läuft ein detailliert geplantes „Programm“ ab. Die Schule wird von schwer bewaffneten Einheiten vom Keller bis zum Dach durchsucht, derweil müssen sich Lehrer mit ihren Schülern in den Klassenzimmern verbarrikadieren.

Ein Großteil der Fehlalarme in Ravensburg vor drei Jahren war versehentlich ausgelöst worden – zum Teil außerhalb der Schulzeiten, beispielsweise durch Putzkräfte. In Ravensburg wurden deshalb unter anderem technische Veränderungen an den sogenannten „Auslösestellen“ vorgenommen. In Weingarten war damals ein technischer Defekt Grund des Fehlalarms. (fh)

Nach dem Amokalarm an der Geschwister-Scholl-Schule des Körperbehindertenzentrums Oberschwaben (KBZO) am Montagnachmittag in Weingarten, der sich letztlich als Fehlalarm herausstellte, dauern die Ermittlungen an. Gerade die halbstündige Verzögerung zwischen dem Auslösen des Alarms in der Schule und der Alarmierung der Polizei wirft Fragen auf. Besonders kurios: Bereits vor zwei Monaten hatte es beim KBZO einen Fehlalarm gegeben, bei der noch mehr Zeit bis zur Alarmierung der Polizei vergangen war. „Das war fast noch dubioser“, sagte Weingartens Polizeirevierleiter Nicolas Riether.

Laut Pressestelle des Polizeipräsidiums Konstanz war der Amokalarm am Montag gegen 14.30 Uhr in der Schule ausgelöst worden. Doch erst kurz nach 15 Uhr sei die Polizei verständigt worden. Den bisherigen Erkenntnissen zufolge wurde der Alarm über einen Telefonanruf ausgelöst, mit dem die Alarmanlage aktiviert wurde, teilte die Polizei mit. Wer den Alarm auslöste und warum es zu der zeitlichen Verzögerung kam, konnte Riether am Montagabend noch nicht sagen.

Grundsätzlich gäbe es in solchen Fällen kein einheitliches System. Allerdings: Durch den Alarm sei in den drei betroffenen Gebäuden eine Durchsage losgegangen, mit der die Lehrer und Pädagogen darauf aufgefordert wurden, die Klassenzimmer von innen zu verbarrikadieren. „Das hat soweit auch funktioniert“, sagte Riether.

Ulrich Raichle, Vorstandsvorsitzender des KBZO, wollte sich auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ vor Ort nicht zu dem Thema äußern. „Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich einfach froh, dass es ein Fehlalarm war. Das waren zwei Stunden voller Anspannung und das ist für alle Beteiligten nun erst einmal eine Erleichterung“, sagte Raichle. Allerdings wolle man den Vorfall zum Anlass nehmen, die gesamten Abläufe gemeinsam mit der Polizei intensiv zu analysieren. Wegen des ersten Vorfalls vor zwei Monaten habe man sich ohnehin zusammensetzen wollen.

SEK aus Göppingen im Einsatz

Nachdem der Alarm am Montag bei der Polizei eingegangen war, sperrten die Beamten das Gelände weiträumig ab. Auch das Spezialeinsatzkommando (SEK) aus Göppingen war mit einem Polizeihubschrauber im Einsatz. Als das SEK eintraf, hatten die Weingartener Kollegen die drei Schulgebäude allerdings bereits systematisch durchsucht, in denen sich zwischen 350 bis 400 Schüler und Lehrkräfte befunden hatten. Wie viele Beamte im Einsatz waren, wollte die Polizei nicht mitteilen.

Nachdem die Durchsuchung der Gebäude gegen 16.25 Uhr abgeschlossen war – die letztlich keinerlei Anhaltspunkte für eine tatsächliche Amoklage ergeben hatte – begann die Polizei damit, die Schüler aus den Gebäuden zu führen und den Betreuungskräften des DRK sowie der Polizei zu übergeben. „Für die Schüler und Pädagogen war es doch eine erhebliche Belastung“, erklärte Riether. Daher werde auch eine psychische Betreuung angeboten. Die Betreuungsstelle befand sich in einem Nebengebäude (Mensa) der Schule, wo die Kinder gesammelt und von dort in ihre Busse einsteigen oder in die Obhut ihrer Eltern übergeben werden konnten.

Großes Lob an die Polizei

Während des Einsatzes vor Ort war auch Matthias Stöckle, kaufmännischer Vorstand des KBZO. Zu einer möglichen Ursache für den Alarm sagte er: „Wir schauen uns das morgen Früh genau an. Im Extremfall wird es ein technischer Defekt gewesen sein.“ Derzeit wisse man nicht mehr, außer dass es ein Fehlalarm gewesen sei. „Wichtig ist, dass niemandem etwa passiert ist und alle gesund sind“, sagte Stöckle und sprach das „größtmögliche Lob an die umsichtige Polizei“ aus. „Es war wirklich hervorragend, wie unaufgeregt sie das geregelt hat.“ Auch Lehrer und Schüler seien gut auf einen Ernstfall vorbereitet gewesen: „Das Thema Amok wird wiederkehrend mit den Lehrern und den Schülern besprochen, wir haben auch Alarmierungspläne dazu.“ Jeder wisse, was zu tun sei.

Hintergrund: Das SEK in Zahlen

Vor drei Jahren hatte eine Häufung von Amok-Fehlalarmen an Schulen im Schussental und Landkreis Ravensburg monatelang die Verantwortlichen beschäftigt. An der Kuppelnauschule Ravensburg, am Gymnasium Weingarten, an den Ravensburger Gymnasien und auch in Wilhelmsdorf und Wangen hatten die Fehlalarme jeweils Großeinsätze der Polizei ausgelöst und Rektoren, Schüler, Lehrer und Eltern in Aufregung versetzt. Ravensburg hatte zu dem Thema sogar eigens einen „Runden Tisch“ einberufen, um die Vorfälle aufzuarbeiten.

Die psychische Belastung während der Polizeieinsätze ist jedes Mal enorm. Bis zu 200 Polizisten sind vor Ort, denn im Falle eines Amokalarms läuft ein detailliert geplantes „Programm“ ab. Die Schule wird von schwer bewaffneten Einheiten vom Keller bis zum Dach durchsucht, derweil müssen sich Lehrer mit ihren Schülern in den Klassenzimmern verbarrikadieren.

Ein Großteil der Fehlalarme in Ravensburg vor drei Jahren war versehentlich ausgelöst worden – zum Teil außerhalb der Schulzeiten, beispielsweise durch Putzkräfte. In Ravensburg wurden deshalb unter anderem technische Veränderungen an den sogenannten „Auslösestellen“ vorgenommen. In Weingarten war damals ein technischer Defekt Grund des Fehlalarms. (fh)

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