Nazi-Jäger Rommel blickt in Weingarten auf seine Arbeit zurück

Lesedauer: 6 Min
 Jens Rommel bei seiner Arbeit in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbr
Jens Rommel bei seiner Arbeit in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. (Foto: Archiv: Stefan Jehle)
Wolfram Frommlet

Ein trefflicher Auftakt zweier Organisationen der Erinnerungskultur im Festsaal der Pädagogischen Hochschule: Die öffentliche Jahresversammlung des Denkstättenkuratoriums NS Dokumentation Oberschwaben wurde musikalisch vom Trio Feuervogel eröffnet. Die Musiker spielten den wenig bekannten Liedermacher Enno Bunger. „Wo bleiben die Beschwerden / warum lassen wir das zu?“, hieß es in dem Lied. Wer denkt bei diesen Zeilen nicht an die beängstigend zunehmenden rechtsradikalen Anschläge gegen demokratische Politiker? Zum Beispiel auf das Bürgerbüro des im Senegal geborenen SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby in Halle. Zum Schweigen der Gesellschaft bei Angriffen auf demokratisch gewählte Politiker stellt der Vorsitzende des Studentenwerks Weiße Rose, Peter Ederer, in seiner Begrüßung die Frage, ob dies wieder, oder noch immer, geschehe.

Nazi-Jäger Jens Rommel hält Gastvortrag

Das Studentenwerk hatte zusammen mit dem Denkstättenkuratorium zur Versammlung eingeladen. Für einen Vortrag konnten sie den im Kreis Ravensburg aufgewachsenen Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, gewinnen, der über das Thema „Geschichte vor Gericht? – Zur Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik“ sprach.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Rommel, der kurz vor einem beruflichen Wechsel an den Bundesgerichtshof steht, berichtete zunächst von Vorbehalten gegen die Aufklärungsstelle und die Meinung auch aus der Politik, nun sei es wohl Zeit, sie zu schließen. Täter gibt es keine Handvoll mehr, potentielle Opfer des Regimes, Kläger oder Zeugen auch nicht. Dennoch könnte sich Jens Rommel eine andere Funktion vorstellen: Die Stelle habe seit 1958 so umfassende Erfahrungen in der Aufarbeitung und Verurteilung eines Verbrecherregimes gesammelt, dass diese Erkenntnisse hilfreich sein könnten für andere Staaten der Welt, die Regime überwunden haben.

Schwierige Fragen zu Beginn der juristischen Aufarbeitung

Spannend denn auch einige der zentralen Fragen, vor allem in den Anfangsjahren, weil kein Jurist in dieser und wohl keiner anderen Demokratie sie beantworten musste: Nach welchen Gesetzen waren Verbrechen eines so ungeheuerlichen Regimes strafbar? Es gab keine Vorbilder. Was war wann verjährt? Welche Verbrechen begingen Individuen, welche aber hatte der Staat organisiert? Hatte der Einzelne die Chance, Nein zu sagen, ohne erschossen zu werden? Wo beginnt Verantwortung in einem verbrecherischen System? Wer wusste was er tat, wer nicht? In einem so riesigen Apparat wie Auschwitz, zum Beispiel. Zu viele kamen ungeschoren davon, zu langsam habe Ludwigsburg reagiert oder nachgeforscht, lauten Vorwürfe gegen die Aufklärungsstelle. Und was, wurde Jens Rommel gefragt, war mit den Nazis in hohen Positionen, die ohne Anklage unter Adenauer Staatssekretär wurden, wie Hans-Maria Globke, der an den Rassegesetzen mitgeschrieben hatte, oder Erhardt Taubert, der das Drehbuch „Der Ewige Jude“ verfasst hatte und von Franz-Josef Strauß engagiert wurde? „Dies wäre in dieser Form heute so gewiss nicht mehr denkbar“, sagte Jens Rommel am Ende seines aufschlussreichen Blicks zurück.

Dieser Blick sei entgegen der Rufe, das Vergangene ruhen zu lassen, weiterhin nötig, sagte Professor Wolfgang Müller von der Pädagogischen Hochschule: Es gehe ums Innehalten und Nachdenken, wo kommen wir her? Ohne Kenntnis der Vergangenheit sei die Zukunft nicht zu gestalten.

Der Leiter des Denkstättensekretariats, Uwe Hertrampf, sagte in seinem Jahresbericht 2019, die ehrenamtlichen Leistungen und die Erfolge des Denkstättenkuratorium in Oberschwaben seien ein großartiges, ermutigendes Zeichen gegen die Zunahme rechtsradikaler Straftaten im selben Jahr.

Die Zahl der Denkorte wächst

In Bodnegg wird dank dem Historiker Wolf Ulrich Strittmatter nun antisemitischer Verfolgungen gedacht. Die enorme Zahl der Denkorte erstreckt sich inzwischen nicht nur über ganz Oberschwaben, sondern auch nach Vorarlberg und in den Kanton St. Gallen. Viele private Rechercheure und Forscher haben an der Aufarbeitung mitgewirkt. Erfreulich für Uwe Hertrampf ist, dass an der Anne-Frank-Ausstellung in den Räumen von Schwäbisch Media auch Jugendliche als „Guides“ für Jugendliche beteiligt waren – gerade in Zeiten, in denen das nationalistische Milieu durch neue Bewegungen Aufwind erhält. Das Kuratorium arbeitet beharrlich weiter und bekommt dafür Unterstützung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Meist gelesen in der Umgebung

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen