Navid Kermani füllt die Reihen in der PH

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 Voll besetzt war die Aula der PH Weingarten, als der Autor und Publizist Navid Kermani (links) aus seinem jüngsten Buch las und
Voll besetzt war die Aula der PH Weingarten, als der Autor und Publizist Navid Kermani (links) aus seinem jüngsten Buch las und sich zwischendurch den Fragen des SZ-Politikredakteurs Sebastian Heinrich stellte. (Foto: Anton Wassermann)
Anton Wassermann

Bis auf den letzten Platz besetzt war die Aula der PH Weingarten, als dort am Freitagabend der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani aus seinem jüngsten Reisebuch las. Der Sohn iranischer Eltern, unter anderem ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, hat hier mehrere Reisen durch Mittelost- und Osteuropa bis in den Iran zu einer Art Tagebuch zusammengefasst. Das Amt für Migration und Integration des Landkreises hatte ihn zusammen mit mehreren Kooperationspartnern nach Weingarten eingeladen.

Anders als bei Lesungen üblich, gab es am Ende keine Diskussion mit den Besuchern. Stattdessen versuchte zwischen den einzelnen Stationen der SZ-Politikredakteur Sebastian Heinrich durch analytische Fragen dem Autor Antworten darüber zu entlocken, welche Handlungsempfehlungen er für den politischen Umgang mit diesen Ländern gibt und wie er die gesellschaftliche Entwicklung jeweils einschätzt.

Auf konkrete Prognosen und Rezepte ließ sich Kermani allerdings nicht ein, weil zu oft scheinbar zufällige Ereignisse und unkalkulierhbare Entscheidungen einzelner Politiker dem Lauf der Dinge entscheidende Wendungen geben können. Der Ausgang einer Präsidentenwahl in den USA gehört dazu ebenso wie ein Militärputsch oder eine Bankenkrise.

Navid Kermani hat bei seinen Reisen nicht mit Staatslenkern gesprochen, sondern der Lebenswirklichkeit einfacher Menschen nachgespürt und sie in den Kontext mit historischen Ereignissen gestellt. Damit erschließt er seinen Lesern und Zuhörern das Verständnis für aktuelle politische Entwicklungen, etwa dafür, warum in Polen plötzlich eine autokratisch-nationalistische Partei mit der Zustimmung breiter Wählerschichten freiheitlich-demokratische Errungenschaften niederwalzen konnte. Die meisten Polen empfänden das Jahr 1989 als den Zeitpunkt, an dem sie ihre nationale Identität nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft wiedererlangt haben. So ließen sich Judenpogrome leichter verdrängen und den Holocaust allein den verbrecherischen Besatzern zuordnen.

Keine Patentrezepte

In den baltischen Staaten seien im Zweiten Weltkrieg die Deutschen zunächst als Befreier von sowjetischer Gewaltherrschaft empfunden worden. Dass die jüdischen Nachbarn verschleppt und niedergemetzelt wurden, sei niemandem verborgen geblieben. Aber die meisten Balten hätten das aus ihrem Bewusstsein verdrängt. Es sei überlagert worden durch die Zwangseingliederung in die Sowjetunion und die spätere Freude über die staatliche Eigenständigkeit. Ebenso wie in Weißrussland habe er keine Gedenkstätten für die Verbrechen an den Juden gefunden, berichtete Kermani, stattdessen aber jede Menge sterbender oder verlassener Dörfer und blühende Hauptstädte. Aber die Traumata hätten sich über Generationen vererbt.

„Welche Konsequenzen sollen wir aus all dem ziehen?“, wollte Sebastian Heinrich immer wieder von Kermani wissen. Patentrezepte für die Politik blieb dieser allerdings schuldig. Ein richtiger Umgang mit den osteuropäischen Ländern könne nur gelingen auf der Basis von Wissen über die inneren Verhältnisse. Dazu wolle er mit seinem Buch einen Beitrag leisten. Bei seinen Reisen durch die Ukraine habe er im Westen des Landes deutlich erfahren, dass diese Region lange Zeit Teil der österreichischen Donaumonarchie gewesen ist. Das sei auch in den Köpfen der Menschen tief verankert. Als großes Problem erlebte der Reisende in all diesen Ländern ein grassierendes Stadt-Land-Gefälle.

Schuld wird Brüssel gegeben

Eine ähnliche Entwicklung zeige sich aber auch in Frankreich und England. „Die Städte streben nach Europa. Auf dem Land macht man Europa für alle Probleme verantwortlich. Die wirtschaftliche Schere wird mit Brüssel identifiziert. Das sprengt Europa.“ Deutschland verdanke seine gesellschaftliche Stabilität vor allem seinem Föderalismus.

Von einer Teilung ganz anderer Art berichtete der Autor aus der Kaukasusregion mit ihren verfeindeten Nationen Armenien und Aserbaidschan. Die Konflikte um die bis dahin von Armeniern besiedelte Region Berg Karabach waren nach der Unabhängigkeit beider Länder ausgebrochen und mündeten in eine ethnische Säuberung. Sie überlagere heute den türkischen Genozid an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wird vor allem durch die Exil-Armenier hoch gehalten. Im Land selbst erlebte ich einen eher pragmatischen Umgang, weil heute viele türkische, in erster Linie kurdische Touristen nach Armenien kommen“, berichtete Kermani.

Der südliche Teil dieser Region sei auffallend stark nach dem Iran ausgerichtet. Dort lernte der Reisende eine junge Generation kennen, die mit dem Regime der Mullas herzlich wenig am Hut hat: „In der Gesellschaft ist sehr viel in Bewegung, obwohl sich das Regime nicht geändert hat.“ Doch die gegenwärtige Weltpolitik mit ihren wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran spiele den repressiven Kräften in die Hände.

Er schloss seine Lesung mit einer Weisheit, die ihm ein alter Mann vor einer prähistorischen Ausgrabungsstätte anvertraut hat: „Seit 15 000 Jahren glaubt man, dass die Vergangenheit besser war als die Gegenwart.“

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