Nach 25 Jahren der Arbeitslosigkeit ganz nah

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Schuler-Areal in Weingarten
Schuler-Areal in Weingarten (Foto: ViMP Import)

Der Schock war groß als Pressenhersteller Schuler Ende August 2015 verkündete, das Unternehmen werde die Produktion am Standort Weingarten schließen und 230 Arbeitsplätze abbauen. Eineinhalb Jahre später haben viele der betroffenen Mitarbeiter die Firma bereits verlassen, andere befinden sich derzeit noch in einer Transfergesellschaft. So auch der 49-jährige Gerhard Rothmann. 25 Jahre hat er für Schuler als Fräser gearbeitet. Dann kam das Aus. Seitdem sucht er intensiv nach einem neuen Job – bislang vergeblich. „Die 25 besten Jahre meines Lebens habe ich bei Schuler verbracht. Jetzt stehe ich vor dem Nichts und weiß nicht, wie es weiter gehen soll“, sagt er.

So oder so ähnlich gehe es auch vielen anderen seiner ehemaligen Kollegen, die aktuell ebenfalls von der Transfergesellschaft betreut werden. Rothmann schätzt die Zahl auf 80. Schuler kann auf Nachfrage keine Zahlen nennen, da sich diese laufend verändern würden. Eine konkrete Aussage sei irreführend. Daher wolle man aktuell keinen „puren Wasserstand“ abgeben, erklärt Pressesprecher Hans Obermeier. Doch klar ist: Der Fall Rothmann ist kein Einzelschicksal. Seit Mitte Oktober freigestellt ist der 49-Jährige zum 9. Januar in die Transfergesellschaft gekommen. Seine Kollegen und er wurden dabei dem Alter entsprechend in sechs Gruppen eingeteilt. Seitdem gab es ein umfangreiches Bewerbungsseminar, das viel gebracht habe. Auch eine Computerschulung soll bald folgen.

Lob für Transfergesellschaft

Ohnehin findet Rothmann für die Mitarbeiter der Transfergesellschaft nur lobende Worte, ist dankbar für deren Einsatz. Gerade auf zwischenmenschlicher Ebene werde man ermutigt und aufgebaut. Und das braucht es auch. „Am Anfang war es sehr schwer für mich. Ich war noch nie arbeitslos“, sagt Rothmann, der nun dreimal die Woche Sport macht und viel Zeit zu Hause verbringt. Noch bis Ende des Jahres erhält er 85 Prozent seines bisherigen Lohnes. Danach werden die Zahlungen eingestellt.

Schlafstörungen und Ängste

Gerade diese Perspektivlosigkeit setzt Rothmann ganz schön zu. Immer wieder plagen ihn Zweifel und Ängste. Die sind so stark, dass er häufig nicht schlafen kann, wach liegt und grübelt: „Ich habe noch 17 Jahre vor mir und frage mich manchmal: Soll es das gewesen sein?“, sagt er. „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre hätte es mir nichts ausgemacht.“ Denn Rothmann ist der Überzeugung, dass ihm sein Alter bei Bewerbungsgesprächen häufig im Weg stünde. „Bei mir spielt auch der Faktor Alter eine Rolle, auch wenn es niemand sagt“, meint der 49-Jährige. „Ich würde liebend gerne heute anfangen zu arbeiten.“

Erste Infos durch Radio

Das Thema Alter spielte bei seiner Kündigung wohl nur eine untergeordnete Rolle. Durch die Schließung der Produktion wurden seine Fähigkeiten nicht mehr gebraucht. „Jeder weiß, dass wir unverschuldet in diese Situation gerutscht sind“, sagt Rothmann. Für ihn besonders bitter: „Am 26. August 2015 habe ich über das Radio erfahren, dass die Produktion in Weingarten geschlossen wird“, erinnert er sich. Erst Tage später informierte der Schuler-Vorstand seine Belegschaft über die geplante Umstrukturierung bei einer Betriebsversammlung Anfang September 2015. „Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, deprimiert.“ So beschreibt Rothmann die damalige Gefühlslage unter der Belegschaft. „Ich glaube kaum, dass sich da jemand gefreut hat.“ Doch selbst nach dieser Versammlung habe man nicht genau gewusst, was die Pläne der Konzernführung bedeuten – obwohl die Schließung der gesamten Produktion eigentlich zwangsläufig auf seine Kündigung hingedeutet hatten. Niemand habe mit ihm persönlich gesprochen. Auch einen Brief mit einer Kündigung habe er nie erhalten. „Das hat es nicht gegeben“, erinnert er sich. „Von August bis April waren wir im Unklaren.“ Erst dann wurde Rothmann zu einem Einzelgespräch mit der Personalchefin gebeten, bei dem die Details der Vertragsauflösung besprochen und eben diese letztlich unterschrieben wurden.

Hans Obermeier verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass man konkrete Gespräche nicht früher hätte führen können und dürfen. Schließlich hätten zunächst Verhandlungen mit dem Betriebsrat über einen Interessenausgleich stattgefunden. „Diese Verhandlungen sind am 7. April 2016 erfolgreich abgeschlossen worden“, erläutert Obermeier. „Erst dann haben die Umsetzungsteams ihre Arbeit beginnen können und dürfen und erst dann konnten die Personen konkret identifiziert und auch angesprochen werden, die unmittelbar betroffen waren.“ Auch habe Schuler im Herbst 2015 ein Freiwilligenprogramm angeboten, das allen Mitarbeitern offen gestanden habe und die Möglichkeit eines Gespräches impliziert hätte.

Bitterer Nachgeschmack

Dieses hatte Rothmann nicht gesucht. Dennoch ist es ihm wichtig, dass er im Guten mit Schuler auseinander geht. „Ich hege keinen Groll oder Hass, aber es tut mir schon leid, dass es so gekommen ist. Da sind alle meine Kollegen der selben Meinung.“ Gerne wäre er bei Schuler in Rente gegangen, weswegen er einen „bitteren Nachgeschmack“ nicht ausblenden kann. Doch richtet sich sein Blick nun wieder nach vorne. So schnell wie möglich möchte er einen neuen Job finden. „Ich hoffe jeden Tag. Wenn die Hoffnung mich verlässt sieht es schlimm aus“, sagt der 49-Jährige.

Arbeitsplatz gesucht

Wer Kontakt zu Gerhard Rothmann aufnehmen möchte, kann sich bei der „Schwäbischen Zeitung“ unter folgender E-Mail-Adresse melden: redaktion.ravensburg@schwaebische.de

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