Musik, die unter die Haut geht

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 Sopranistin Willa Weber und Akkordeonist Volker Rausenberger
Sopranistin Willa Weber und Akkordeonist Volker Rausenberger (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

„Ein Lied für Anne Frank“ war der Titel eines musikalischen Abends mit der Ravensburger Sopranistin Willa Weber und dem Akkordeonisten Volker Rausenberger im Kulturzentrum Linse in Weingarten. Das Konzert fand am Samstagabend im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung, die die Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung Tavir zusammen mit den Städten Ravensburg und Weingarten im Februar im Foyer von Schwäbisch Media ausgerichtet hat, statt. Mehmet Aksoyan von Tavir, der das Konzert nach Weingarten geholt hatte, durfte sich über einen vollen Saal und tief beeindruckte Zuhörer freuen.

Sopranistin hat intensiv recherchiert

Das Tagebuch der Anne Frank ist eines der aufwühlendsten Dokumente dafür, wie ein barbarisches Regime bis in den Alltag der Verfolgten hineinwirkt. Was mögen die im Hinterhaus Versteckten gehört haben, wenn sie nachts unter größten Vorsichtsmaßnahmen vor dem Feindsender BBC saßen? So hat sich Willa Weber bei der Programmauswahl gefragt. Sicher auch das Lied „Lili Marleen“, die „Schützengräben verbrüdernde Hymne“ in der Version von Lucie Mannheim mit dem satirisch-bissigen Text und Refrain: „Wer an allem schuld ist, den will ich an der Laterne seh’n.“ Die international tätige Sopranistin hat intensiv recherchiert und ist auf Werke gestoßen, die wohl nur wenige noch kennen. Mit seinem Akkordeon trug Volker Rausenberger zur tiefgehenden Stimmung bei – bei den Liedern wie mit seinen Solostücken, dem für Akkordeon arrangierten „Prayer“ von Ernest Bloch und Michel Godards „Sonnet oublié“.

Die Skala ist weit gespreizt, vom jiddischen Volkslied und Wiegenlied und vom holländischen Kinderlied, wie Anne es gehört haben mag, bis zur 1972 uraufgeführten atonalen, schmerzhaft intensiven Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ des russischen Komponisten Grigori Frid und Liedern aus dem BBC-Programm der Kriegsjahre. Die Sinnlosigkeit des Krieges, die Unmenschlichkeit eines Regimes, das andere nur wegen der Rasse ausrotten will, kommt bedrängend zum Ausdruck, denn Musik vermag mehr als gesprochene Worte. Ohne auch nur einen Hauch von Pathos singt Willa Weber mit ihrem wunderbar geschmeidigen Sopran und verbreitet die Botschaft, dass verschiedene Rassen, verschiedene Religionen ein Recht haben, nebeneinander zu existieren.

Sängerin versteht viel von menschlicher Psyche

Anne Frank und ihr Schicksal stehen im Zentrum und bilden den bestimmenden Hintergrund. Es geht aber um mehr, um das Allgemeingültige, den Appell an die Menschen, sich als Mensch zu verhalten. Man denkt unwillkürlich an Bert Brechts berühmte Parabel „Wenn die Haifische Menschen wären“. Willa Weber bringt die Grundstimmung der Lieder hervorragend zum Tragen. Man friert bei Liebeserklärungen an den fernen Geliebten, beim Trostlied des Vaters für seinen todgeweihten Jungen. Dass Willa Webers Gesicht zur lebendigen Bühne wird, versteht sich von selbst. Es beeindruckt, es fesselt, und zwar so, dass der Zuhörer sich ständig seiner Rolle bewusst bleibt. Brechtsche Verfremdung von einer Könnerin angewendet, die nicht nur eine hervorragende Sängerin ist, sondern sehr viel von menschlicher Psyche versteht. In einer Zeit wie dieser mag das sehr schmerzen.

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