Mostclub feiert 111-jähriges Bestehen

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Mostclub feiert 111jähriges Bestehen
Mostclub-Präsident Jürgen Hohl erzählt die Geschichte wie er dem "Saugatter" entkam

Wenn am sich am Rosenmontag im Alten Ochsen in Weingarten traditionell die Narren zur Mostclubsitzung treffen, dann geht es der Obrigkeit an den Kragen und sie werden sich selbst feiern. Denn die diesjährige Sitzung ist die 111. in der Geschichte des Mostclubs - Ein rundes Fastnets-Jubiläum. Doch nicht nur das ausgelassene Feiern wird auf dem Programm stehen. Es heißt auch Abschied nehmen. Denn die 111. Sitzung wird die letzte für Jürgen Hohl als Präsident sein. Er wird sein Amt abgeben.

Die Geschichte des Mostclubs reicht aber bis ins Ende des 19. Jahrhunderts als die Firma Juninger um 1880 von Tettnang nach Weingarten zog, die ehemalige Klosterwirtschaft „Zum Ochsen“ kaufte und daraus eine Mostwirtschaft machte - das Obst stammte von den Streuobstwiesen der Franziskaner-Nonnen. Irgendwann haben sich am Blauen Montag in der Dämmerung Handwerksburschen und Kleingewerbemeister zum „mosten“ getroffen. Der „Blaue Montag“, so erzählt Jürgen Hohl, ist ein fester Begriff bei den Handwerkern. An diesem Tag hörten die Handwerker mit der Arbeit früher auf. Es war üblich, am Montag nur „mit halber Kraft“ zu arbeiten.

Zum Erhalt des Nationalgetränks

Dem Erzählen nach - denn genau kann man das nicht mehr eruieren - hat dann irgendwer sich lauthals darüber beschwert, dass die Leute nur noch Bier und Wein trinken und der der Most das Nationalgetränk der Handwerker, das verschwindet. Wir müssen einen Verein zum Erhalt des Mosts gründen. In dieser Zeit, so Hohl, war das modernste Wort „Club“. Der Mostclub war geboren - der Alte Ochsen wurde seine Heimat. Der Fasnets-Tradition verpflichtet, einmal im Jahr gegen alle Autoritäten und der Obrigkeit aufbegehren zu können und angesammeltem Unmut Luft zu verschaffen, enthält die Satzung Unsinniges wie die Feststellung: „Wenn ein Clubmitglied stirbt, wird es auch begraben.“

Natürlich brauchte der „Mostclub“ einen Schutzpatron. Ein nicht geringerer als der berühmte Götz von Berlichingen sollte es werden - und natürlich dessen berühmten Spruch aus dem gleichnamigen Stück von Johann Wolfgang von Goethe, auch bekannt als Schwäbischer Gruß. Im Mostclub wird das Zitat als langes L ausgesprochen und nur angedeutet. Es ertönt immer dann, wenn man Wohlgefallen ausdrücken will.

Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Bräuche und Gepflogenheiten hinzu. Der Mostclub bekam einen Präsidenten und einen Vize. Die Männer tragen Frack und Zylinder, wie auf Beerdigungen und am Blutfreitag hoch zu Ross, die Frauen sind „altweiberig“ gekleidet, mit alten Täschchen, Hütchen und langen Kleidern.

Der Saugatter-Rekord

Doch wird bei weitem nicht alles Gesagte oder Getane mit einem langezogenen „LLL“ quittiert. Immer wieder ist auch die Forderung „Saugatter! Saugatter! Saugatter!“ zu hören. Und dann geschieht das Unvermeidliche. Der Delinquent wird von zwei Büttel in historischen Polizeiuniformen abgeführt, in das Saugatter gesperrt und für alle sichtbar durch die Stadt gezogen. Eine Schande sondergleichen.

So geschah es Axel Müller, der eine Gratisfahrt in eben jenem Saugatter nach Berlin bekam. Für manchen ist das Saugatter sogar eine Ehre. Ein sichtlich zufriedener Rolf Engler, seines Zeichens Stadtrat in Ravensburg brach einen Rekord. Dreimal schaffte er es im vergangenen Jahr, den Unmut auf sich zu ziehen und im Saugatter zu landen. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft.

Liedgut

Über die Jahre hat sich auch ein umfassendes Liedgut angesammelt, weil viele selbst für den Mostclub sogenannte „Schmonzetten“ gedichtet haben. Eines davon ist das Galgenlied. Dort heißt es „Tu ja nicht den Most verpanschen, weil Mostpanscher aufgehängt werden. Deshalb führt man immer den Galgen mit.

Seit 2009 stand Jürgen Hohl dem Club als Präsident vor. Jetzt ist Schluss. Er will seine Kraft ganz dem Museum für Klosterkultur widmen. Doch ein letztes „LLL“ wird ihm gewiss sein.

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