Mit Höhen und Tiefen: Das Weingartener Jahr 2018 im Stadtcheck

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 Nicht immer konnte sich Weingarten im Jahr 2018 so in Szene setzen, wie beim Feuerwerk des Welfenfestes.
Nicht immer konnte sich Weingarten im Jahr 2018 so in Szene setzen, wie beim Feuerwerk des Welfenfestes. (Foto: Archiv: Elke Obser)

Wie immer um den Jahreswechsel herum nimmt die „Schwäbische Zeitung“ im Stadtcheck Weingarten unter die Lupe. Dabei bewertet die Redaktion die Entwicklungen in 14 verschiedenen Kategorien. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich in Weingarten einiges getan.

Stadtentwicklung – Grüner Daumen

Wenn Baukräne das Stadtbild prägen, dann ist das immer ein Zeichen für Bewegung. In diesem Jahr 2019 sollen die Abrissarbeiten auf dem ehemaligen Schuler-Areal beginnen. Bis 2025 soll auf dem sechseinhalb Fußballfelder Gebiet ein neues Stadtviertel mit rund 500 neuen Wohnungen entstehen. Doch damit nicht genug: Die Stadt arbeitet derzeit an einem Konzept, wie Weingarten im Jahr 2030 aussehen soll, denn die Bevölkerung wird in Zukunft laut Prognose um 5000 Menschen auf 30000 anwachsen. An den Plänen beteiligt die Stadt auch die Bürger.

Einzelhandel – Roter Daumen

Nein, der Einzelhandel an sich ist es nicht, weshalb der Daumen nach unten zeigt. Denn das Angebot in der Innenstadt ist gut. Nur nutzt das wenig, wenn in der Karlstraße und insbesondere am Münsterplatz oft gähnende Leere herrscht. Die Bemühungen der Einkaufsstraße mehr Leben einzuhauchen, muten manchmal recht seltsam an. Drei zusätzliche Kurzparkplätze am Münsterplatz, wie es im Gemeinderat diskutiert wurde? Bestimmt nicht. Der geplante Online-Marktplatz? Er könnte zusätzlichen Umsatz bringen, mehr Leben aber bestimmt nicht.

Bürgerbeteiligung – Gelber Daumen

Es ist Oberbürgermeister Markus Ewald immer ein großes Anliegen, die Bürger bei Entscheidungen mit einzubinden. Allerdings werden Anregungen von Bürgern nur in den seltensten Fällen wirklich ernsthaft diskutiert, geschweige denn in die Tat umgesetzt. Das mag an starken Persönlichkeiten in der Stadtverwaltung, aber auch an schwachen Vorschlägen aus der Bevölkerung liegen. Darüber hinaus engagieren sich bei prägenden Stadtentwicklungsprojekten leider zu wenige Bürger. Etwas mehr Engagement wäre an dieser Stelle wünschenswert.

Finanzen – Gelber Daumen

Nach dem katastrophalen Zeugnis, dass das Regierungspräsidium dem Weingartener Haushalt für 2017 ausgestellt hat, sind die Finanzen 2018 deutlich besser geworden. Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Stadtkämmerer Daniel Gallasch. Der Grund für die positive Bilanz ist aber in erster Linie die sehr gute Konjuktur, die mehr Geld aus Gewerbesteuereinnahmen in die Kassen der Stadt spült. Stand jetzt wird das auch die Finanzierung der Neuausrichtung des Schulstandortes, die die Stadt rund 38 Millionen Euro kosten wird, erleichtern.

Kultur – Gelber Daumen

Weder Fisch noch Fleisch. So in etwas könnte man das Weingartener Kulturleben bezeichnen. Denn während Kulturamtleiter Peter Hellmig auch in 2018 wieder jede Menge Hochkultur nach Weingarten geholt hat, wird es versäumt, Angebote für junge Menschen zu schaffen. Diese Politik steht der Stadt zwar gut zu Gesicht, wird auf Dauer aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Etwas mehr Mut und Bereitschaft für Veränderungen wären wünschenswert. Ein Lichtblick ist und bleibt das Kulturzentrum Linse, das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.

Verkehr – Roter Daumen

Zugegeben: Die Ravensburger Straße fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Stadt. Verantwortlich für die Erneuerung ist das Regierungspräsidium. Dennoch ist die meistbefahrene Straße in Weingarten ein Ärgernis für die Bürger. Seit Jahren schon ist die Erneuerung der Straße im Gespräch. Sie ist in einem sehr schlechten Zustand und soll einen leiseren Asphalt bekommen. Wann das ist, steht aber noch in den Sternen. Nicht viel besser sieht es beim geplanten Radschnellweg aus. Zwei Vorschläge gibt es, doch eine Entscheidung steht immer noch aus.

Hochschulen – Gelber Daumen

Das Jahr 2018 war für die Pädagogische Hochschule Weingarten (PH) ein schwieriges Jahr – wieder einmal. Während die Hochschule Ravensburg-Weingarten seit Jahren in ruhigen Fahrwasser vor sich hin schippert, musste die PH einige Turbulenzen überstehen. Doch hat der damalige Rektor Werner Knapp stets den Kurs gehalten und nun auch das Ruder unfallfrei an Karin Schweizer übergeben. Die neue Rektorin macht einen sehr guten Eindruck, wird den schleichenden Niedergang der Politikwissenschaften aber wohl ebenfalls kaum verhindern können.

Integration – Gelber Daumen

Eigentlich zeigte der Integrations-Daumen immer klar nach oben. Und auch in diesem Jahr wurde viel geleistet, so zum Beispiel das Integrationszentrum eröffnet. Doch wer ohne große Not das Weingartener Gesicht der Integration, die langjährige Integrationsbeauftragte Christine Bürger-Steinhauser, vor die Tür setzt, kann keinen grünen Daumen bekommen. Über Jahre arbeitete sie mit den Geflüchteten. Neben Schwester Ines wurde wohl zu keiner Person so ein Vertrauen aufgebaut. Sie stillschweigend aus dem Amt zu drängen ist kurzsichtig und unverzeihlich.

Wirtschaft – Grüner Daumen

Misst man den Wirtschaftsstandort einzig an den beiden großen Unternehmen, kann der Daumen nur nach oben zeigen. Denn bei CHG-Meridian geht es scheinbar ohnehin immer nur nach oben. Und auch von Pressenhersteller Schuler gab es in diesem Jahr mal keine schlechten Nachrichten. Doch ist Weingarten viel mehr. Zahlreiche kleine mittelständische Unternehmen zeugen vom attraktiven Wirtschaftsstandort Weingarten. Sie haben in 2018 von der allgemein guten Konjunktur profitiert. Da die bereits am abkühlen ist, dürfte 2019 umso interessanter werden.

Politik – Roter Daumen

Das mag überraschend kommen: ein roter Daumen für die Politik in Weingarten. Damit ist weniger OB Markus Ewald gemeint. Vielmehr gilt der Daumen dem Gemeinderat und dessen Entwicklung in 2018. Nicht erst durch das Ausscheiden von Axel Müller wurde deutlich: Einige Stadträte sind überaltet und teilweise schlichtweg überfordert. Das hängt auch mit der Vielzahl an komplexen Themen zusammen. In der Summe muss aber konstatiert werden: Der Gemeinderat ist schwach und benötigt dringend frisches Personal.

Bildung – Gelber Daumen

Gefühlt wäre an dieser Stelle ein grüner Daumen angebracht. Denn das Thema Bildung ist eine Mammutaufgabe, der nur schwer Herr zu werden ist. Und die Stadt macht ihre Hausaufgaben. Erschwert wird die Arbeit durch die Abhängigkeit zur Landespolitik und die exorbitanten Kosten. Fachbereichsleiter Rainer Beck und sein Team haben zweifelsohne viele Weichen in Sachen „Schulstandort“ und „Kleinkindbetreuung“ gestellt. Doch Stand heute sind längst nicht alle Bildungsfragen beantwortet. Deswegen kann es nur einen wohlwollenden gelben Daumen geben.

Wohnen – Gelber Daumen

Wohnen in Weingarten - das mag zwar schön sein, ist aber auch ziemlich teuer. Im Dezember 2017 legte die Stadt einen neuen Mitespiegel vor. Demnach liegt das Mietpreisniveau bei 7,73 Euro pro Quadratmeter ohne Nebenkosten. Ob jemand zu diesem Preis jedoch tatsächlich eine Wohnung in Weingarten findet, ist bei der aktuellen Situation recht unwahrscheinlich. Realistischer ist ein Preis von 10 Euro pro Quadratmeter. Daran wird auch nichts das „Bündnis für bezahlbaren Wohnraum„ etwas ändern. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Kuschelfaktor – Grüner Daumen

Erstmals fand in Weingarten auf dem Gelände des Freibads Nessenreben das „Sonido Elektrofestival“ statt und bot damit ein zusätzliche Angebot für junge Menschen, die auch zahlreich kamen. Mit dem Wetter hatten die Veranstalter weniger Glück: Es regnete. Eine Wiederholung des Festivals wäre wünschenswert. Vom Regen weitestgehend verschont, blieb dagegen das Welfenfest. Nach der heftigen Kritik im vergangen Jahr, gelang der Welfenfestkommission mit den neuen Wirten ein Volltreffer. Die Weingartener konnten so richtig feiern.

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