Mit der Videobrille ins Klassenzimmer

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Die Dozenten Benita Affolter (Mitte) und Andreas Angern (links) von der PH St Gallen haben schon Erfahrung mit dem Projekt, bei
Die Dozenten Benita Affolter (Mitte) und Andreas Angern (links) von der PH St Gallen haben schon Erfahrung mit dem Projekt, bei dem mit Videobrillen ausstaffierte Studenten eine Schulklasse übernehmen. Dies soll nun nach Willen von Thomas Wiedenhorn (rechts) von der PH Weingarten auch für hiesige Lehramtsstudenten möglich werden. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Als angehender Lehrer stehen Praktika auf dem Lehrplan. Und doch werden die Studenten zu wenig auf die Praxis vorbereitet, auf die stressige Dynamik in einer Klasse, auf emotionale Elternkontakte. Mit dem Projekt „SMS –Studierende machen Schule“ sollen Studenten nach norwegischem Vorbild bereits während ihrer Ausbildung für eine Woche im Alleingang eine ganze Klasse übernehmen. Und sich und die Kinder dabei filmen um eigene Fehler und Schwächen noch vor dem eigentlichen Start ins Lehrerleben aufzudecken. Ein Projekt, das nun an der Pädagogischen Hochschule Weingarten auch startet und am vergangenen Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Wenn Lehramts-Studenten von einem Tag auf den anderen zum Lehrer an der Grundschule werden, dann macht so mancher Neu-Lehrer große Augen: Sind sie in den Praktika während des Studiums noch mit „Schoki-Klassen“ und einem Mentor gepampert worden, so sehen sie sich plötzlich alleine einer Horde –im schlimmsten Fall- wilder Grundschüler gegenüber. Bei all den theoretischen Kenntnissen, die den Studierenden in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik vermittelt werden – wie genau es sich anfühlt, alleine die Verantwortung für oft mehr als 20 Schützlinge zu haben, das steht nicht im Lehrplan der Pädagogischen Hochschulen. Kann manchen Neuling überfordern und entmutigen.

Um diese Situation zu entschärfen, haben Thomas Wiedenhorn und Markus Janssen von der PH Weingarten ein Projekt ins Leben gerufen, das Studenten schon vor dem Einstieg in den Lehrerberuf vorbereiten und begleiten will. Nach norwegischem Vorbild und in Zusammenarbeit mit einem Projektteam der Pädagogischen Hochschule St Gallen wird es künftig eine „mediengestützte Beratung in selbstverantwortlichen Praxisphasen“ geben – unter dem Motto „Studierende machen Schule“ (kurz SMS).

Marina Knetschke ist 24 Jahre alt und studiert derzeit an der PH Weingarten Grundschul-Lehramt. Von September 2018 bis Januar 2019 war die Studentin im Praxissemester an der Partnerschule Oberzell. Dort, wo Schulleiter Lothar Landsbeck die Idee zum SMS-Projekt schon seit geraumer Zeit mitträgt. „Ein Segen ist das für uns“, adelt Landsbeck die Idee.

„Das SMS-Projekt sollte für alle Studenten Pflicht sein“

Eine Woche vor Weihnachten schließlich durfte die angehende Grundschullehrerin die 15 Kinder der Klasse 3b übernehmen. Und hat als Testerin die Videobrille ausprobiert, mithilfe derer der komplette Unterricht und die Aktionen in der Klasse gefilmt werden. Ihr Fazit: „Das SMS-Projekt sollte für alle Studenten Pflicht sein. Denn man sollte jeden Chance nutzen, um aus den eigenen Fehlern zu lernen.“ Sie habe den Fokus während des Unterrichts auf die Kinder gelegt und darauf, wie der Schultag läuft. Erst im Anschluss, beim Auswerten der Videosequenzen, sei ihr gelungen, sich selbst zu reflektieren, Fehler bei sich zu erkennen, sagt Knetschke. „Dazu habe ich im Unterricht gar keine Zeit“.

Wie andere Studenten dieses Projekt erleben, das zeigte ein Film der PH St Gallen, die nach erfolgreicher Erprobung der Videobrillen mit mehreren Probanden sprich angehenden Grundschullehrern gesprochen hatten. Manche berichten ganz offen davon, wie „alles aus dem Ruder gelaufen“ sei und von „Verzweiflung“ angesichts der Kinder, die ihre Grenzen austesten wollten. Die Mehrzahl der Studenten, die ihren ersten, eigenen Unterricht mit einer GoPro-Kamera gefilmt hatten, erzählen jedoch davon, dass sie enorm viel Selbstverstrauen mitgenommen haben.

Auf sich selbst gestellt sein und doch eine Lösung für kitzlige Situationen im Schulalltag gefunden zu haben – das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt. „Das war das intensivste Praktikum“, gesteht eine Studentin vor der Kamera.

Benita Affolter und Andreas Angern, beide Dozenten der PH St Gallen und mit drei SMS-Durchgängen schon erprobt, sind sich sicher, dass aus dem Projekt eine Win-Win-Situation erwächst. Wenn die Studenten eine Grundschule übernehmen, dann bleibe dem dortigen Kollegium Zeit für eine gemeinsame Fortbildung. Und die Studenten lernten ihren herausfordernden Beruf in der Praxis kennen: Unter realen Bedingungen –nämlich für eine Woche ohne den Klassenlehrer als Backup in der hinteren Reihe.

Momentan läuft für das Projekt eine zweijährige Finanzierung

In schwierigen, großen Klassen, wo es gelte, ganze Tage zu strukturieren. Im Umgang mit Schülern mit Migrationshintergrund Eltern aus bildungsfernen Schichten. Der St Gallener Angern verschweigt nicht, dass immer wieder auch Studenten abbrechen. Zwei jeweils in den drei bisherigen Projektdurchläufen. „Aber das ist doch der nötige Lackmus-Test für unseren herausfordernden Job“, so Angern. Die involvierten Eltern schätzten das Projekt, berichten Angern aus der Schweiz und Landsbeck aus Oberzell übereinstimmend.

Momentan läuft für das Projekt „Studierende machen Schule“ eine zweijährige Finanzierung über einen Drittmittelgeber, nämlich die Internationale Bodenseehochschule (IBH interreg). 25000 Euro wurden zur Verfügung gestellt. Landes-und Bundesfördermittel können nicht beantragt werden, wie Janssen vom Weingartner Projektteam erklärte. „Das inhaltliche Interesse ist da – aber es fehlt der formale Rahmen“, so Janssen. Das Schulamt in Markdorf unterstütze aber jeden Durchgang. 14 PH-Studenten können im kommenden Jahr mit den Videobrillen ausstaffiert werden und an der Grundschule Oberzell für eine Woche die Klassen übernehmen.

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