Margit Hartnagel zeigt Abstraktes in der Weingartener Kornhausgalerie

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 Die Malerin Margit Hartnagel (links) eröffnet zusammen mit Kurator Martin Oswald (rechts) ihre Ausstellung mit Papierarbeiten i
Die Malerin Margit Hartnagel (links) eröffnet zusammen mit Kurator Martin Oswald (rechts) ihre Ausstellung mit Papierarbeiten in der Kornhausgalerie Weingarten. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Erstmals zeigt die Malerin Margit Hartnagel Papierarbeiten. Neben aktuellen Bildern auch frühe aus ihrer Wiener Studienzeit. Das zusammen ergibt eine sorgsam ausgewählte Retrospektive, die ihre künstlerische Entwicklung von den späten 1990er-Jahren bis heute reflektiert. Zu sehen ist diese von Martin Oswald kuratierte Schau in der Kornhausgalerie Weingarten. Eröffnet haben sie am Freitagabend Oswald mit einer Einführung und Viz Michael Kremietz mit einer Klangperformance.

Es ist eher ungewöhnlich, dass Künstler zeitlich so weit zurückgreifen und Werke aus ihren frühen Schaffensphasen präsentieren. Margit Hartnagel, 1970 in Ravensburg geboren und heute mit Atelier in Wangen, hat sich getraut. Die beiden Serien mit dem Titel „Black & White, dots and lines“ gehören in die Zeit um 1997, als sie in Wien an der Akademie der Bildenden Künste Malerei und an der Universität für Angewandte Kunst Experimentelles Gestalten und Raumkunst studierte. Weil ihre Vorstellungen in Sachen Malerei nicht den Geschmack der Professoren traf, nahm sie sich mit anderen Studenten zusammen ein Atelier im Prater, wo diese Arbeiten entstanden.

Abstrakt Malerisches dominiert die Bildträger. Es geht um Materialität, um die Auseinandersetzung mit Punkten und Linien, die mittels Ölfarbe in diversen aufeinander liegenden Schichten mehr oder weniger transparent sich zu erkennen geben. Hartnagel spricht von Studien oder Skizzen, die dem Punkt oder Kreis die Bedeutung des Kosmos vermitteln sollen. Offensichtlich wird das beim Blick auf die Serie der warmen gelbtonigen Blätter. „Wie dahin gehauchte Farbnebel“, umschrieb Oswald, Vorstand des Galeriebeirates Weingarten, diese Art der Malerei mit Tendenz hin zur Zeichnung.

Auf eine Reise, die das Werk Hartnagels zu ergründen sucht, nahm er die vielen Vernissagegäste mit. Viz Michael Kremietz, ebenfalls aus Wangen, leitete diese mit einer sensiblen Klangperformance auf einer japanischen Bambusflöte ein. Stille hörbar machen, die Leere im Raum spüren mittels Schwingung und Resonanz ist sein Anliegen. Das gelang ihm nach kürzester Zeit. Seine von den Ursprüngen erzählende Melodie verschaffte den Besuchern meditative Ruhe. Quasi unweigerlich, denn ein Entziehen aus dem filigran-prosaischen Spiel ist kaum möglich und bietet bestmögliche Zugänge zu den Bildern.

Diese wiederum verlangen dem Betrachter Zeit und Muße ab. Oswald sprach von einer „Bildwelt, die in ihrer grandiosen Weite einen Moment der Stille und ein Innehalten im Meer subtiler Farbtöne bedeuten, doch zugleich einen Grad höchster Präsenz und Wachheit erfordern.“ Das trifft auf die kleinen Formate, wie die Serie „Fließbänder“ und die großformatigen „Seven Red Movements“ gleichermaßen zu.

Fülle steht dem Nichts gegenüber

Horizontale Balken in Schwarz und Weiß kontrastieren mit Grautönen. Das Schwarz und Weiß stehe für das Böse und das Gute, das aufeinander treffen kann oder sich innerhalb der Grautöne auflöst. Hartnagel liebt die Extreme. Andererseits weicht sie Grenzen auf, die im Nichts zu verschwinden scheinen mittels wolkig-nebeliger Randzonen. Fülle steht dabei dem Nichts gegenüber. Erlebbar ist grenzenlose Weite, wie sie schon den deutschen Romantikern zu eigen war. Deutlich wird das vor der aktuellen Serie „Seven Red Moments“, die farbliche Setzungen in Rot, Orange und Gelb betont. Seismographisch wirken diese unregelmäßig in vertikalen Pinselspuren verlaufenden Farbfelder, die Pigmente in einer Harz-Wachs-Emulsion auf Aquarellpapier bringen. Stille und Intensität, Verflüchtigung und Präsenz, Nähe und Weite bilden ein ständiges Vor und Zurück innerhalb eines fiktiven Raumerlebens. „Ein Blick ins Unergründliche“, wie es Oswald nannte. „Ein sublimes Stochern im Nebel“, das alle Bindung an den Gegenstand aufgibt.

Hartnagel belässt es nicht bei der Malerei, sondern schreibt auch: „Was leer erscheint, wird so zur Fülle. Aus Nirgendwo wird Alles“.

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