Lebenswerk eines Rastlosen

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Wolfgang Marcus starb im Alter von 88 Jahren.
Wolfgang Marcus starb im Alter von 88 Jahren. (Foto: Archiv: Erika Bader)
Schwäbische Zeitung
Nicolai Kapitz

Der ehemalige Weingartener SPD-Politiker und Historiker Wolfgang Marcus ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren im „Hospiz Schussental“ in Ravensburg. Die Erinnerung an einen Erinnerer.

Es war der Moment, als Wolfgang Marcus mitten in der Nacht, irgendwo an einer Kreuzung in der Nähe von Dresden, von der Pritsche des Lastwagens sprang. Seine Bewacher, russische Soldaten, waren mit der Kalaschnikow in der Hand wodkaselig eingeschlafen, der junge Mann erkannte seine Chance. Der politisch aktive und deswegen von den Sowjets verfolgte Wolfgang Marcus entging in diesem Moment seinem Schicksal in der DDR. Es hätte Zuchthaus bedeutet. Dass es so kam, war nicht nur ein Glücksfall. Denn was der Mann in der Folge in den fast 70 Jahren seit seiner Flucht erlebte, und was er an den Orten, an denen er später heimisch werden sollte, bewegt hat, sucht seinesgleichen.

Die Geschichte des Mannes, der sich bis zu seinem Tod intensiv gegen das Vergessen einsetzte, beginnt im sächsischen Görlitz. Wolfgang Marcus wurde 1927 in dem Städtchen geboren, das heute an der polnischen Grenze liegt, damals aber an der Grenze zu Schlesien lag. Seine Kindheit hat er in Dresden verbracht als Sohn einer Deutschen und eines Vaters, der zur Hälfte Jude war. Nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 musste er miterleben, was das bedeutete. Im Alter von 14 Jahren schmiss man ihn von der Schule. Die Gestapo durchsuchte das Elternhaus, seinen Vater trieben die Nazis in den Ruin, er starb noch vor Ende des Krieges. „Aber für die Wehrmacht war ich gerade noch deutsch genug“, erinnerte sich Wolfgang Marcus noch vor wenigen Monaten.

Frühe Neigung zur Politik

Er wurde eingezogen und an die Ostfront geschickt. Als die Russen auf Dresden zumarschierten, desertierte seine Einheit. „Wir haben die Uniformen auf einen Haufen geworfen und verbrannt“, erinnerte er sich. Mit gerade 18 Jahren hatte er den Krieg überlebt. Er geriet nicht in Gefangenschaft, machte sich nach Dresden auf und fand dort seine Mutter wieder. Die zerstörte Stadt sollte ihm nun wieder eine Heimat sein. Doch daraus wurde nichts. Zwar konnte Wolfgang Marcus im Frühjahr 1946 das Abitur nachholen. Aber er interessierte sich auch für die Politik. Und das sollte ihm beinahe zum Verhängnis werden.

Der katholisch erzogene Jugendliche begann, für die CDU in kommunalen Jugendausschüssen zu arbeiten. „Das war die Geburtsstunde der Jungen Union. Die ist damals in Sachsen zum ersten Mal in Erscheinung getreten.“ Als sich abzeichnete, dass die Jugendarbeit der CDU mehr Erfolg hatte als die der SED, ging das den Russen gegen den Strich. Die Junge Union sollte aufgelöst werden. Dagegen wehrte sich Wolfgang Marcus. „Ich habe damals eine Dummheit begangen“, meinte er rückblickend. In der CDU-eigenen Zeitung namens „Die Union“ veröffentlichte er einen Aufruf zum Erhalt der Ausschüsse – und wurde als „Staatsverbrecher“ eingesperrt.

Im Keller des Dresdner Elbschlosses Eckberg saß er in einem dunklen Loch, ohne Klo, ohne Waschbecken. Die Russen verhörten ihn einen Monat lang täglich, wollten ihn wieder freilassen – aber nur, wenn er als Spitzel arbeiten würde. Wolfgang Marcus verweigerte die Zusammenarbeit. Dafür wollten ihn, so vermutete er, die Russen dorthin verfrachten, wo die politischen Gegner der Sowjets damals eingesperrt wurden: ins „Gelbe Elend“ in Bautzen. Ins „Speziallager Nr. 4“ steckte die Militäradministration damals Dissidenten und andere Unbequeme. Aber Wolfgang Marcus sprang eben an der Kreuzung von der Pritsche.

Im Morgengrauen kletterte er, von Freunden mit Kleidern und Geld ausgestattet, in Dresden in einen Fernzug nach Nordhausen im Harz. Im Sommer 1946 war es noch vergleichsweise leicht, über die Grenze zu kommen. Im niedersächsischen Duderstadt meldete er sich bei der britischen Kommandantur und bekam Papiere. Über Kontakte zum Bischof von Meißen konnte er in Paderborn ein Theologiestudium aufnehmen. Nach drei Semestern wechselte er an die Universität München, wo er bis 1951 Philosophie, Erziehungswissenschaft, Germanistik, Zeitungswissenschaften, Geschichte und Theologie studierte.

Über Stationen in Westberlin, wo er bis 1954 den Kirchenfunk am Sender Rias leitete, sowie Bonn und Recklinghausen kam der inzwischen verheiratete Marcus 1960 ins oberschwäbische Weingarten. Die Hochschulstadt sollte seine zweite Heimat werden.

Stadtrat und Kreisvorsitzender

An der Pädagogischen Hochschule unterrichtete er, und als das Kultusministerium die Mitspracherechte der Studenten einschränkte, war er Initiator des „USTA“, der verfassten Studentenschaft. Marcus engagierte sich auch politisch in der Stadt. Von 1971 bis 1990 saß er für die SPD im Weingartener Gemeinderat, 1972 war er Bundestagskandidat, später Kreisvorsitzender der SPD in Ravensburg.

Wichtiger Helfer beim Aufbau Ost

Als 1989 die Mauer fiel, ging er zurück nach Sachsen. „Ich wollte mich am Aufbau Ost beteiligen“, berichtete Marcus. Und so kandidierte er für den ersten demokratischen Landtag in Sachsen und war für eine Legislaturperiode bildungspolitischer Sprecher der Sozialdemokraten. In dieser Zeit hat er viel mitbegründet, etwa die philosophische Fakultät an der Uni Dresden. Er war Mitbegründer der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der TU, hat 1992 das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) an der Uni mitbegründet und 1994 das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig.

Im Jahr 1990 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz und 2002 der Verdienstorden des Freistaats Sachsen verliehen.

Aber er hatte in Dresden auch ein Schlüsselerlebnis: „Mein Wahlkreis war bereits damals NPD-Hauptgebiet“, erzählte er. „Was ich im Krieg erfahren und was ich dann im Landtag erlebt habe, hat mich dazu gebracht, mich gegen das Vergessen zu engagieren“, berichtete Wolfgang Marcus. Und als er nach 15 Jahren in Dresden wieder nach Weingarten übersiedelte, packte er sein Vorhaben an. Als das Studentenwerk der Pädagogischen Hochschule 2006 am Ende war, gründete er es neu und gab ihm einen Namen, der von nun an zum Sinnbild seines Schaffens werden sollte: „Weiße Rose“. Seitdem hatte er sich der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Diktatur verschrieben.

Deswegen sind die Gebäude auf dem Campus nun nach Widerstandskämpfern der „Weißen Rose“ benannt: Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Kurt Huber, Willi Graf. Obendrein gründete er das Denkstättenkuratorium, das Gedenkorte an über 80 Stellen in Oberschwaben dokumentiert, an denen NS-Verbrechen belegt sind – etwa die Wilhelmsburg in Ulm, wo im Zwangsarbeiterlager bis zu 14000 Häftlinge leben mussten. Oder das „Museum zur Geschichte von Christen und Juden“ in Laupheim, in dem die Geschichte der einst größten jüdischen Gemeinde Baden-Württembergs bis zu ihrer Vernichtung 1942 dokumentiert ist.

Tafeln, Stelen, „Stolperschwellen“

Eine „einzigartige Topografie der Erinnerungskultur“ nannte es der SPD-Politiker Wolfgang Drexler, als er Ende Januar in Weingarten war. In der Stadt mit ihren 23000 Einwohnern sind Sträßchen, Schulen und ganze Häuserzeilen nach Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime benannt. Tafeln, Stelen und „Stolperschwellen“ erinnern an die Verbrechen der Nazis.

Als Wolfgang Marcus im Mai seine Lebensgeschichte erzählte, blickte er sehr intensiv in die Zukunft. Mit 88 Jahren war er noch voller Tatendrang, daran änderte auch die Krebserkrankung nichts, mit der er sich seit 1989 herumschlagen musste. Noch im Mai dachte er an seine „Galerie der Aufrechten“, eine wandernde Kunstausstellung, in der Porträts von Widerstandskämpfern in ganz Deutschland präsentiert werden sollen, und die in Weingarten im Januar ihre Reise antrat. Noch in diesem Jahr soll die Ausstellung in Laupheim und Mannheim, im kommenden Jahr dann in Dresden und Berlin zu sehen sein. Schon im Mai war sich Marcus bewusst, dass diese Galerie sein letztes großes Projekt sein könnte. Sie wird sich einreihen in ein Lebenswerk, das vielschichtiger kaum sein könnte. Es wird bleiben – in Dresden und in Oberschwaben.

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