Kritik an den Plänen für Jahrhundert-Projekt

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„Ein bisschen besser als befürchtet“, sagt Karl-Anton Feucht, der Vorsitzende des Weingartener Gewerbe- und Handelsvereins (GHV), über den Siegerentwurf des Schuler-Areals. „Der Entwurf hat eine lockerere Bauweise. Das scheint eine gute Entscheidung.“ Im Vergleich zu den anderen eingereichten Modellen. Den Erwartungen des GHV wird der Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros „Ackermann + Raff“ allerdings nicht gerecht. Zu wenig Gewerbe, kaum Vermischung und ein abgegrenztes Wohnquartier sieht Feucht. Es habe an Mut gefehlt, etwas Modernes und Lebendiges zu schaffen. Die Innenstadt werde auch in Zukunft große Probleme haben. Verantwortlich dafür sei aber nicht der Investor, sondern vielmehr die Stadtverwaltung.

Kritik an Weingartener Jahrhundertprojekt
Der Gewerbe- und Handelsverein Weingarten, kurz GHV, kritisiert die Pläne für das Schuler-Areal, welches das wichtigste Stadtentwicklungsprojekt der kommenden Jahrzehnte ist.

„Die Stadt hatte Einfluss auf die Verteilung der Flächen nehmen können. Der Investor hat nur die Vorgaben umgesetzt“, meint Feucht enttäuscht. Obwohl der GHV immer wieder auf eine gesunde Vermischung hingewiesen habe und für „innovatives Gewerbe, Bildung und pulsierendes Leben“ geworben habe, seien die Anregungen von der Stadt nicht in die Vorplanung mit aufgenommen worden. „Die Ausgewogenheit fehlt. Wir hätten gehofft, dass der Anteil ein Gewerbe größer wird“, sagt Feucht. „Es gibt wenige Flächen, die für Gewerbe und Einzelhandel zugelassen sind. Und das Gewerbe darf nur sehr leise sein und nicht stören. Eine wirkliche Entwicklung zu einem lebendigen Stadtteil ist damit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.“

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Greifbar werde das am zentralen Quartiersplatz. Das drumherum kein Gewerbe zugelassen ist, werde das ein Platz nur für die Anwohner. Cafés und Bars, Räumlichkeiten für Studenten oder Start-Ups oder Ateliers sind nicht vorgesehen. „Es gibt kaum Möglichkeiten sich wirklich lebhaft zu entfalten. Es ging um den Schutz der Wohnbebauung“, erklärt Feucht. In so ein Quartier würden sich kaum Touristen oder andere Weingartener verirren, wenn es keine Anreite gäbe. Eine gesunde Vermischung und die dringend benötigte Innenstadtentwicklung werde dadurch umso schwieriger.

Etwas besser gelöst sei die Frage des Gewerbes um den erweiterten Münsterplatz. So zum Beispiel rund um die Alte Post. Zwar sei es bedauerlich, dass das Gebäude abgerissen und nicht integriert werde könne, doch die Pläne für die Bebauung an dieser Stelle entsprechen den Vorstellungen des GHV. So ist geplant, in der Mitte des erstens Blocks der Wohnbebauung eine Grünfläche vorzuhalten. Diese soll jedoch in das erste Obergeschoss verlagert werden, so dass im Erdgeschoss des Wohnblocks Flächen für einen Supermarkt zur Verfügung stehen. Genau dieses Modell würde sich Feucht auch für einen weiteren Wohnblock in der direkten Umgebung wünschen. Allerdings sehen die Pläne das aktuell nicht vor.

Eine andere Baustelle sieht der GHV an der Schussenstrasse gegenüber der Aral-Tankstelle. In einem ersten Entwurf war dort ein Gebäude mit dem Schlagwort „Arbeiten“ eingezeichnet. Im Siegerentwurf wurde das Gebäude nun mit „Arbeiten/Wohnen“ betitelt. Dadurch sinken die zugelassenen Dezibel-Zahlen, was wiederum Produktionsstätten wegen des Arbeitslärms in Richtung Baienfurt unmöglich machen würden. Besonders brisant: Dort gibt es bereits entsprechendes Gewerbe. „In den Randbereichen Richtung Norden Schussenstrasse muss noch eine Überarbeitung stattfinden, damit die Betriebe mit Bestandschutz dort weiter arbeiten und existieren können“, fordert Feucht.

Handlungsbedarf sieht er darüber hinaus auch in Sachen Verkehr. Besonders die Zufahrten zum Gebiet und der Verkehrsfluss müssten noch verbessert werden, da die zusätzliche Belastung durch die Anwohner und Beschäftigten im Gebiet aktuell noch nicht berücksichtigt seien. Zwar soll es eine Tiefgarage geben, doch Feucht fände es hilfreich, wenn es Parkplätze zur freien Verfügung im Gebiet geben würde. So könnten Besucher stadtnah parken und Dienstleister Ihren Kunden und Mitarbeitern einen Stellplatz anbieten. „Die Probleme der Innenstadt sind nicht weg. Da braucht es noch große Anstrengungen“, meint Feucht, der nicht nur Stadt und Investor, sondern auch den GHV selbst in der Verantwortung sieht. Daher verspricht er: „Der GHV wird mit dem Investor I+R sprechen und an der Lösung der Probleme mitarbeiten.“

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