Konjunkturelle Abkühlung, aber kein Abschwung

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Schwäbische Zeitung

Mit der regionalen Konjunktur, einem Rückblick auf das Jahr 2019 und einem Ausblick auf das Jahr 2020 haben sich die Mitglieder der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) schwerpunktmäßig in ihrer Wintersitzung in Weingarten beschäftigt. Das kommende Jahr berge wirtschaftliche Chancen und Risiken, sagte IHK-Vizepräsident Ralph Winterhalter.

Vizepräsident Roman Brenner, Geschäftsführer der Südwest-Ring Versicherungsmakler GmbH Weingarten, sagte, die Versicherungsbranche sei zunehmend mit komplexen protektionistischen Hemmnissen konfrontiert. „Protektionismus, Handelskonflikte, Brexit und Sanktionen betreffen alle“, gab Brenner zu bedenken. Hier seien Verbände und Politik dringend gefordert.

Die regionale Konjunktur

Konjunkturumfragen bei Mitgliedsunternehmen zeigten laut Bettina Wolf vom IHK-Geschäftsbereich Standortpolitik, dass sich die Geschäftslage im laufenden Jahr eingetrübt habe. Sie sei laut Herbst-Umfrage zwar noch robust, die Erwartungen aber brächen ein. Nur noch annähernd jeder zweite Betrieb (47 Prozent, vor einem Jahr noch 61 Prozent) in der Region sieht sich in einer guten Geschäftslage. Fast unverändert acht Prozent (Herbst 2018: 7 Prozent) bewerten ihre Geschäftslage als schlecht. „Es geht uns weniger gut, aber nicht schlecht“, sagte Wolf. Erstmals sei allerdings seit langer Zeit die Zahl der Unternehmen, die eine schlechtere Geschäftsentwicklung erwarten, mit 23 Prozent größer als die Zahl derer, die von einer besseren Geschäftsentwicklung ausgehen (16 Prozent).

Während der Bau noch oben auf sei und auch die meisten Dienstleister ihre Lage als ordentlich beurteilen, befinde sich die Industrie im Abwärtstrend. Den Fachkräftemangel bewerten die regionalen Unternehmen nach wie vor als Geschäftsrisiko Nummer eins, gefolgt von der Sorge um die Inlandsnachfrage. Zwei Drittel der befragten Unternehmen wollen aktuell an ihrem Personalbestand nichts ändern, Investitionen würden merklich zurückgefahren – allerdings von einem sehr hohen Niveau mit rund 694 Millionen Euro in 2018. „Wir verzeichnen eine konjunkturelle Abkühlung, aber keinen Abschwung,“ sagte Wolf.

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41 Prozent der Betriebe beurteilen ihre Geschäftslage laut IHK als gut, nur sieben Prozent sehen sich in einer schlechten Geschäftslage. „Die vergangenen zehn Jahre sind für die Industrie extrem gut gelaufen. Bis ins dritte Quartal 2019 hatten auch wir ansteigende Wachstumsraten zu verzeichnen“, sagte Rafael Baur, Geschäftsführer Wenglor Sensoric, Tettnang. Für 2020 rechne er mit knappen Wachstumsraten, eventuell sogar einer Nullrunde.

Positiv der Zukunft entgegen blickt auch Hanspeter Mürle, Vorstand Ravensburger Aktiengesellschaft, Ravensburg. „An den Kindern wird nicht gespart, das spüren wir auch", sagte er. Die Ravensburger AG, die 50 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland erwirtschafte, werde das laufende Geschäftsjahr positiv abschließen. Unsicherheiten gebe es beispielsweise durch Strafzoll-Erhebungen auf Spielwaren seitens der USA. Zudem gerieten die Fachhändler durch Discounter und Onlineanbieter zunehmend unter Druck, so Mürle weiter.

Aus dem regionalen Handel berichtete Andreas Schmid, Geschäftsführer Gessler + Funk Office, Weingarten, Spezialist für komplette Büroausstattung. Trotz Umsatzrückgängen durch Preisverfall sei das Unternehmen gut aufgestellt und erwarte auch für 2020 ein kleines Umsatzwachstum. Größere Probleme sieht Schmid allerdings bei der Fachkräftegewinnung.

Die Dienstleister sind noch recht gut aufgestellt. 52 Prozent beurteilen ihre Geschäftslage als gut, nur sieben Prozent als schlecht. Hier bleiben die Erwartungen positiv. „Unsere Geschäftslage ist stabil“, bestätigte Wolfgang Dobler, Geschäftsführer DWMB, Bad Saulgau. Die Unternehmens- und Personalberatung unterstütze Firmen bei der Suche nach geeigneten Fach- und Führungskräften.

Die Erwartungen an die zukünftige Geschäftsentwicklung des regionalen Hotel- und Gaststättengewerbe seien verhalten. Immer weniger Unternehmen rechneten mit steigenden Umsätzen. Vor allem der anhaltende Personalnotstand wirke sich negativ aus, sagrte Wolfgang Kimpfler, Inhaber des „Gasthof Ochsen“ in Ravensburg. Auch hohe Pachten, Konkurrenzdruck und eine überbordende Bürokratie machten dem Hotel- und Gastgewerbe zu schaffen.

Es bleibe zu hoffen, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, meinte Bettina Wolf abschließend. Für 2020 prognostiziere der DIHK eine Steigerung des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 0,5 Prozent, der Sachverständigenrat gehe von 0,9 Prozent aus. Die BIP-Prognose des LBBW Research für Baden-Württemberg liege für 2020 bei einem Wachstum von nur 0,2 Prozent.

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