Klinik-Patienten sollen finanzielle Misere nicht spüren

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Der Medizin Campus Bodensee ist finanziell angeschlagen, soll sich laut Plan aber bis 2022 wieder erholen.
Der Medizin Campus Bodensee ist finanziell angeschlagen, soll sich laut Plan aber bis 2022 wieder erholen. (Foto: Christian Flemming)

„Mit dem Ergebnis bin ich natürlich absolut nicht zufrieden“, sagt Geschäftsführer Johannes Weindel zu den Verlusten aller drei Krankenhäuser des Medizin Campus Bodensee (MCB) im Jahr 2017. Zugleich betont er gegenüber schwäbische.de aber auch, dass die Gründe dafür keine hausgemachten seien. In der mittelfristigen Planung peilt der Klinikverbund ein ausgeglichenes Jahresergebnis für das Jahr 2022 an.

Einen wesentlichen Grund für die finanzielle Talfahrt, auf der sich mittlerweile jede zweite Klinik im Land befindet, sieht Johannes Weindel im Landesbasisfallwert, der die Grundlage zur Vergütung von Krankenhausleistungen darstellt und nach seiner Einschätzung im Jahr 2017 zu niedrig angesetzt worden sei. Die Summe, die dem MCB dadurch gefehlt hat, beziffert der Klinikchef auf 1,5 Millionen Euro. Was sich in der Gewinn- und Verlustrechnung noch deutlicher bemerkbar macht, ist der Anstieg der Personalkosten. Laut Weindel sind dem MCB allein durch das Beschäftigen von Honorarkräften 1,9 Millionen Euro Mehrkosten entstanden. Notwendig waren diese Honorarkräfte, weil es aufgrund des eklatanten Mangels an Fachpersonal nicht gelingt, den Bedarf durch Festanstellungen zu decken.

Den höchsten Verlust innerhalb des Verbunds weist der Jahresabschluss für das Weingartener Krankenhaus 14 Nothelfer aus (siehe unten). Was paradox erscheint: Laut Johannes Weindel verzeichnete Weingarten im vergangenen Jahr den größten Wachstum der drei Krankenhäuser. Den höheren Verlust erklärt der Geschäftsführer vor allem mit dem so genannten Fixkostendegressionsabschlag. Der wird fällig, wenn ein Krankenhaus mehr Leistungen erbringt als im Vorjahr beziehungsweise mehr als mit den Krankenkassen ausgehandelt worden war. Das heißt, dass das Krankenhaus quasi dafür bestraft wird, wenn es mehr Patienten behandelt. Hintergrund ist der, dass sich der Anteil an den Fixkosten eines Krankenhauses, der auf den einzelnen Patienten entfällt, kleiner wird, je mehr Patienten dort behandelt werden.

Die Zahl der Patienten ist in Weingarten 2017 zwar wie in Friedrichshafen und Tettnang etwas zurückgegangen, der Abschlag für Mehrleistungen wird aber eben nicht im gleichen Jahr vorgenommen, sondern über Rückzahlungen an die Krankenkassen in den drei Folgejahren – in denen die Patienten- beziehungsweise Fallzahl unter Umständen bereits wieder gesunken ist. In Weingarten mindert der Abschlag das Ergebnis 2017 laut Weindel um eine Million, in Tettnang um eine halbe Million. Im Finanz- und Verwaltungsausschuss berichtete der Klinikchef am Montag, dass man in beiden Häusern die Mehrleistungen massiv vorangetrieben habe – weil man ohne diese die Häuser langfristig nicht aufrecht erhalten könne.

Dass sich beim Blick auf die Zahlen der drei Krankenhäuser die Frage aufdrängt, ob der Erwerb der 14 Nothelfer GmbH das Häfler Klinikum auf Dauer teuer zu stehen kommen wird, kann Johannes Weindel durchaus nachvollziehen. Seine Antwort lautet trotzdem „Nein“ – weil man die drei Häuser auch gar nicht miteinander vergleichen könne. Durch das Bilden von Zentren beziehungsweise die Spezialisierung auf unterschiedliche Fachgebiete gebe es einen steten Patientenfluss zwischen den drei Häusern. Was für Weindel unter dem Strich zählt, ist deshalb das Gesamtergebnis des Verbunds. Und da soll 2022 eine Null stehen. Garantieren könne er das allerdings nicht. „Dafür hat sich der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren zu viel einfallen lassen, was die Arbeit der Krankenhäuser schwieriger gemacht hat“, sagt Weindel. Was in den nächsten Jahren noch komme, wisse jetzt noch niemand.

Und was bedeutet das alles für die Patienten? Die sollen die finanziell schwierige Situation nicht zu spüren bekommen. Sagt Johannes Weindel und verweist darauf, dass für sie auch die finanziell guten Zeiten nicht spürbar gewesen seien. „Wir werden alles dafür tun, dass die Patienten gut versorgt sind“, bekräftigt Weindel, der allerdings auch einräumt, dass dies angesichts des Personalmangels für die Mitarbeiter mehr Stress und mehr Belastung denn je bedeute.

Um langfristig stabile Patientenzahlen ereichen zu können, werde das MCB weiterhin in die Qualität der Zentren investieren müssen, konstatierte der Klinikchef in der Ausschusssitzung. „Wir wollen keine Wald- und Wiesenmedizin, sondern Spezialversorgung“, so Weindel. CDU-Stadtrat Franz Bernhard warnte vor einem „Negativ-Wettlauf ums Geldverbrennen mit anderen Häusern“ und regte an, Kooperationsmöglichkeiten auf Augenhöhe in Richtung Ravensburg zu prüfen. Lose Kooperationen wollte Johannes Weindel zwar nicht ausschließen, er stellte aber auch fest: „Wenn man zwei Kranke zusammenbringt, kommt nicht zwangsläufig ein Gesunder dabei heraus.“ Und ein Zusammenschluss mit Ravensburg sei wiederum kartellrechtlich nicht ohne weiteres möglich.

Insgesamt ging der Tenor im Ausschuss in die Richtung, dass für das Verlassen der Erfolgsspur nach zwölf Jahren mit Gewinnen in erster Linie die Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik verantwortlich sind. Und so sieht auch OB Andreas Brand vor allem die Gesetzgeber in Land und Bund in der Pflicht, ihrer Verantwortung besser nachzukommen als bisher. Er sprach von einer „schwierigen Situation“, doch das erklärte Ziel sei, in die Erfolgsspur zurückzufinden. Eberhard Ortlieb, Fraktionschef der Freien Wähler, bemühte dazu einen Satz, der in anderem Zusammenhang auf ewig mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verbunden bleiben wird: „Wir schaffen das.“

Der Jahresabschluss des MCB:

Der Medizin Campus Bodensee als Konzern hat im Jahr 2017 einen Verlust von 1,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Darin enthalten sind allerdings Sondereffekte, die auf die Übernahme der Klinik Tettnang GmbH und des Weingartener Krankenhauses 14 Nothelfer zurückgehen. Weil der Kaufpreis damals niedriger war als das Eigenkapital der beiden Häuser, ist in der Bilanz des MCB ein so genannter „passiver Unterschiedsbetrag“ gebildet worden, quasi eine Rückstellung für künftige Verluste, die man auch als negativen Firmenwert bezeichnen könnte. Dieser passive Unterschiedsbetrag ist 2017 um rund 3,5 Millionen reduziert worden, was das Konzernergebnis dementsprechend verbessert hat. Deshalb ist die Summe der einzelnen Jahresverluste der drei Krankenhäuser auch deutlich höher als der in der Konzernbilanz ausgewiesene Verlust. Der um Sondereffekte bereinigte Konzernverlust beläuft sich auf rund fünf Millionen Euro.

Das darin enthaltene Minus der Klinikum Friedrichshafen GmbH beträgt 1,24 Millionen Euro (Gewinn 2016: 96 000 Euro). Die Klinik Tettnang GmbH schloss das Jahr mit einem Verlust von 778970 Euro (Verlust 2016: 56 253 Euro) ab. Den größten Verlust steuert das Weingartener Krankenhaus 14 Nothelfer GmbH zum Ergebnis des MCB bei: 2,95 Millionen Euro (Verlust 2016: 1,37 Millionen Euro).

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