Klarer Sieg im ersten Heimspiel

Lesedauer: 6 Min

Vom Illustrator gestaltete Magazincover sind ebenso Teil der Ausstellung wie Plakate und Skizzen.
Vom Illustrator gestaltete Magazincover sind ebenso Teil der Ausstellung wie Plakate und Skizzen. (Foto: Julia Marre)
Julia Marre

Blaugrau wachsen die Wolkenkratzer in den New Yorker Winterhimmel. Oben, auf ihren Dächern, liegt Schnee. Und auf den Fensterbänken, auf manch einem Dachsims und Schornstein. Die auf Stoff gedruckte Illustration namens „Winter“ könnte eine beinahe schon romantisch verklärte Schnee-Impression aus der Metropole sein – wäre da nicht der orangefarben leuchtende Schneepflug, der auf dem Hochhausdach räumt. Eine Anspielung auf den vielerorts von Panik begleiteten plötzlichen Wintereinbruch? Ein sarkastischer Seitenhieb an jeden übereifrigen städtischen Betriebshof, der seiner Räumpflicht nachkommt? Oder einfach deutscher Sinn für Komik?

Das Bild ist eine von mehr als 60 Arbeiten, die der Illustrator Paul Hoppe seit Freitagabend in der Kornhausgalerie in Weingarten ausstellt. Und an der freien Illustration lässt sich genau das ablesen, was der in Brooklyn lebende Künstler als sein Alleinstellungsmerkmal bezeichnet. „Meinen albernen Humor auszudrücken ist etwas, das mich vielleicht von anderen Zeichnern unterscheidet“, sagt er bei der überaus gut besuchten Vernissage. Ein Humor, der ihm schon während der Schulzeit in Weingarten und Ravensburg seine ersten künstlerischen Erfolge bescherte: „Ich habe nämlich lustige Geschichten über Lehrer gezeichnet“, erinnert er sich. „Die kamen sehr gut an.“

Das Satiremagazin „Pulp“

So gut, dass Hoppe – vom Comicvirus infiziert – weiter- und weitergezeichnet hat. Mit Gleichgesinnten gestaltete er in den 1990er-Jahren das Ravensburger Satiremagazin „Pulp“, ehe er an der Fachhochschule Pforzheim Visuelle Kommunikation studierte. Ein Stipendium ermöglichte ihm das weitere Studium an der School of Visual Arts in New York – wo Hoppe geblieben ist. Heute arbeitet Paul Hoppe dort in einer Ateliergemeinschaft mit anderen Illustratoren.

„Der Konkurrenzdruck in New York ist hoch“, sagt der Künstler im aufschlussreichen und unterhaltsamen Gespräch mit Ausstellungskurator Martin Oswald. „Es gibt dort viele brillante Zeichner.“ Dass Hoppe sich unter all diesen brillanten Zeichnern nicht zu verstecken braucht, wird in der Kornhausgalerie schnell klar. Die Ausstellung – übrigens seine erste Einzelschau in Europa – ist angelegt wie ein Spaziergang durch die Zeichenmappen des 1976 geborenen Illustrators. Und diese zeichnerische „Bestandsaufnahme“, wie sie Oswald nennt, zeigt: Es ist ein enorm vielfältiges Werk, das der Künstler mit den oberschwäbischen Wurzeln geschaffen hat. Für die „New York Times“ illustrierte er Beiträge von Barack Obama oder John Grisham. Für etliche Magazine gestaltete er – ganz unpolitisch – poppig-bunte Titelseiten, die Models auf dem Laufsteg zeigen und Studenten beim Gärtnern. Für den „Boston Phoenix“ malte er das Cover „Generation Kill“, das eine kampfbereite Soldateneinheit auf dem Jeep abbildet. „Viele meiner Aufträge von Tageszeitungen beinhalten die Themen Krieg oder Hungersnot“, sagt Hoppe. Als politischer Karikaturist sieht er sich jedoch nicht. Und auch die Angriffe auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verurteilt er: „Ich möchte schließlich nicht in einer Welt leben, in der man keine Bilder zeichnen darf. Und Comics sind keine Schusswaffe.“

Anspruchsvolle Unterhaltung

Dass Comics auch auf anspruchsvolle Art unterhalten können, demonstrieren andere seiner Werke. Etwa die Bleistift-Skizzen zum erfolgreichen Graphic Novel „Peanut“, der 2015 auch auf Deutsch erschienen ist. Oder die Tusche- und Aquarellbilder, die den Entstehungsprozess von Hoppes Kinderbuch „HAT“ veranschaulichen. Neben verschiedenen Zeitungsausschnitten, Postern, Skizzen und Zeichnungen sind auch in der Schulzeit entstandene Hefte und spätere im Selbstverlag veröffentlichte Magazine zu sehen.

Und natürlich darf im Werk eines Weingarteners ein Sujet nicht fehlen: die Basilika. „Dieses dicke Ding ist faszinierend und schon der Hammer“, sagt Hoppe und grinst. Seine Tuschezeichnung, die Ausstellungsplakate und Flyer ziert, erinnert mit ihrer Farbpunkt-Methode an die Bilder von Roy Lichtenstein. Zudem hat Hoppe darin eine neue Technik ausprobiert und mit einem Kamm gemalt. Und die Figurengruppe, die im Bildvordergrund zu sehen ist? „Das sind New Yorker Freaks in Weingarten“, erklärt der Zeichner. Und Kurator Oswald fügt hinzu: „Eigentlich auch ein schönes Thema für ein Graphic Novel.“

Die Ausstellung in der Kornhausgalerie Weingarten, Karlstraße 28, ist zu sehen bis 12. Juni: mittwochs, 10 bis 13 Uhr, freitags, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Geöffnet ist außerdem am 1., 6. und 15. Mai. Am 2. Juni referiert der Comicforscher Dietrich Grünewald um 19 Uhr über „Graphic Novels“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen