Klanggewaltiges aus Romantik und Spätromantik

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 Nach einem kräftezehrenden Programm Entspannung beim großen Applaus: die Violinistin Janine Jansen und der Pianist Alexander Ga
Nach einem kräftezehrenden Programm Entspannung beim großen Applaus: die Violinistin Janine Jansen und der Pianist Alexander Gavrylyuk. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Zahlreiche der erschienenen Gäste hatten bereits das beeindruckende Eröffnungskonzert des Bodenseefestivals in Friedrichshafen erlebt. Nun stand am Dienstagabend in Weingarten ein Abend mit Kammermusik an. Zusammen mit dem sechs Jahre jüngeren russischen Pianisten Alexander Gavrylyuk trat Janine Jansen auf. Beide leben in den Niederlanden und spielten zum ersten Mal 2017 zusammen. Gavrylyuks frühe Weltkarriere ist vor allem mit der Aufführung russischer Musik verbunden, bevor er sich erst in den voprherigen Jahren der deutschen Romantik und Robert Schumann zuwandte.

Das Programm mit den beiden Schumanns, Brahms und Franck hatte es in sich: Im ersten Teil pure deutsche Romantik und Hochromantik, im zweiten folgte französische Spätromantik. Denn César Franck wurde zwar in Lüttich geboren, hatte jedoch eine deutsche Mutter und lebte seit seiner Jugend in Paris. Zwei Werke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und zwei aus den 1880er Jahren also – und mit die bekanntesten Kammermusiken überhaupt. Kräftezehrend sind sie auch, denn beide Stimmen sind nahezu gleichberechtigt.

Gavrylyuks kräftigem, manchmal fast rauem Anschlag merkt man den Solisten an. Doch in vielen Passagen kann er sich auch wunderbar zurücknehmen und ein vitales Pianissimo spielen. Janine Jansen versteht die Tempi-Angaben der Werke, gerade in der ersten Sonate op. 105 von Robert Schumann in a-moll von 1851 „mit leidenschaftlichem Ausdruck“, sehr wörtlich, aber auch im modernen Sinne befreit. So potenziert sie manchmal die Kontraste in der Lautstärke so stark, dass manche Einzeltöne nur ephemer aufscheinen und der melodische Duktus unterbrochen wird. In einer Kadenz im Violinkonzert wäre das weniger erstaunlich. Hier jedoch erfordert es eine Weile Zeit, bis die beiden hervorragenden Solisten zu einer homogenen Interpretation finden.

Bei Clara Schumanns 1853 geschriebenen „Drei Romanzen op. 22“ zittern die Töne der Stradivari in hauchfeinem Vibrato so süß und schmelzend, dass Clara Schumann als die eigentliche Romantikerin erscheint. 1887 und zehn Jahre vor seinem Tod schrieb Brahms seine Violinsonate Nr. 2 A-Dur op. 100, und erweist damit noch einmal der Klassik seine Reverenz. Die in drei Sätzen aufgebaute Komposition verschränkt die beiden Stimmen in einem wechselseitigen Dialog, der ebenso strukturiert wie geschmeidig von erster Stimme zur Begleitung wechselt. Das 34 Jahre später geschriebene Stück wirkte aus einem Guss, temperamentvoll, energiegeladen, dynamisch und zugleich beseelt – und, trotz aller Emotionalität, weniger gefühlsbetont, sondern musikalisch und rhythmisch streng durchformt.

Zum Schluss wurde die erst posthum erfolgreiche Sonate A-Dur von César Franck aus dem Jahr 1886 aufgeführt. Der wirkte zu Lebzeiten vor allem als Organist und Komponist von Sakralmusik in Paris, eines der Paradestücke für die Violine wie für das Klavier. Hier waren beide ganz nah beieinander. Und da gäbe es viele Stellen einzeln zu nennen, wie der langsam beschleunigte Übergang im Allegro vom leisen Staccato der Geige bis hin zum wuchtigen Fortissimo oder die Tontropfen des Klaviers im wiegenden Recitativo: Kurz, es war eine kongeniale Aufführung dieser leidenschaftlichen Musik, die uns vielleicht noch etwas Wichtiges aus einer Zeit vor den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts zurufen könnte.

Was folgte, waren ein Riesenbeifall des an diesem Abend mucksmäuschenstill und konzentriert lauschenden Publikums, drei „Vorhänge“ und eine charmant von Janine Jansen angesagte Zugabe, die sich als das „romantische“ Stück schlechthin entpuppte: Lili Boulangers „Nocturne“ von 1911, ein ganz zartes, leise und sehnsuchtsvoll schwingendes musikalisches Gewebe der früh verstorbenen hochbegabten Komponistin.

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