Kindertheater begeistert mit ideenreicher Inszenierung

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Das Kindertheater der Weingartener Klosterfestspiele.
(Foto: Margret Welsch)
Margret Welsch

„Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ sind bei der Premiere dann doch unter das schützende Dach des Kulturzelts auf dem Weingartener Martinsberg geflüchtet. Das Aprilwetter am Freitag hatte zwar auch sonnige Abschnitte parat, die wunderschöne Blattkulissen an die Zeltwände zauberten. In der Hauptsache aber trommelte Regen aufs Dach, was die Akustik locker wegsteckte, vor allem aber die Fantasie anregte. Das will die Regisseurin Nadine Klante mit ihrer puristischen Inszenierung von Mark Twains Kinderbuchklassiker um die zwei Lausbuben, die mit ihrer Unangepasstheit und Durchtriebenheit Kindern seit Generationen befreiende Rollenmuster liefern.

Von Anfang an schaffte es das vierköpfige Ensemble, das zehn Rollen stemmen musste, sein Publikum zu packen und zum Lachen zu bringen. Jung und Alt, 240 an der Zahl, wollten die doppelte Premiere sehen. Denn in ihrer 15-jährigen Geschichte steht bei den Klosterfestspielen erstmals ein Kinderstück auf dem Spielplan. Wer das Buch nicht gelesen hat, kennt die Geschichte aus Film und Fernsehen. Die Streiche von Tom Sawyer und Huck Finn, die ohne Eltern aufwachsen und so ihre liebe Not und auch keine Lust haben, erwachsen zu werden.

Zu ihnen gesellt sich das übrige Personal, allen voran Tante Polly, Becky Thatcher, Indianer Joe und Muff Potter. Die Helden von St. Petersburg, ein fiktiver Ort am Ufer des Mississippi. In den lustigen wie spannenden Geschichten, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach amerikanischem Bürgerkrieg und Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten spielen, geht es unterschwellig um Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, schlechtes Gewissen, Freundschaft und erste Liebe.

Tom Sawyer wächst bei seiner gestrengen Tante Polly auf, wunderbar schrullig gemimt von Christoph Franz. Völlig überfordert mit ihrem Neffen rennt sie ihm hilflos mit dem Teppichklopfer hinterher. Statt Schule und Pflichten ist bei Tom und Huck Finn, einem Straßenkind, herumlungern, rauchen, fischen und den Mädels nachstellen, angesagt.

Beliebter Treffpunkt der beiden ist der Friedhof zur nächtlichen Stunde, wo man die tote Katze zwecks Warzenentfernung aus dem Sack lässt, wo die beiden aber auch Zeugen eines Mordes werden, den der Täter, Indianer Joe, aber dann Muff Potter, dem Dorftrottel, in die Schuhe schieben will. Die Figuren sind vielschichtig angelegt und funktionieren nicht nur nach einem schwarz-weiß, gut-böse Schema.

So zeigen die beiden Titelhelden neben ihrer Coolness auch ihre Selbstzweifel und innere Unsicherheit. Und Indianer Joe ist nicht einfach nur der Bösewicht. Es kommen auch seine Verwundungen, die Diskriminierung seiner Rasse zur Sprache, aus denen dann seine Untaten resultieren. In ihrer Wandlungsfähigkeit begeisterte auch die in Weingarten aufgewachsene Anetta Dick.

Gleich in vier Rollen schlüpfte die Schauspielerin, gab Muff Potter eine wunderbar dauerbesäuselte Gutmütigkeit und Becky Thatcher backfischhafte Verliebtheit. Das reduzierte, in schwarz weiß gehaltene Bühnenbild von der Ausstatterin Michaela Springer lässt das engagierte Spiel der Akteure noch plastischer hervortreten. Diese jonglierten mit Leitern und Kisten wie mit Bällen und bauten im fliegenden Wechsel Boote, Särge, Baumhaus und Gefängniszelle.

Countrymusik und Krimisound taten ihr Übriges, damit die Abenteuer von Tom und Huck unter die Haut gingen. Viel Szenenapplaus samt langem Schlussapplaus würdigten ein rundum gelungenes Theaterstück nicht nur für Kinder.

„Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ läuft am 22. und 23. August, jeweils um 16 Uhr.

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