„Kein Gefängnis, keine Polizei – wir sind frei!“

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Spannung beim Welfentheater: Ob die Kinderbande doch im Gefängnis landet? Welfentheater
Spannung beim Welfentheater: Ob die Kinderbande doch im Gefängnis landet? Welfentheater (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Erwartungsvolle Zuschauer in Feierlaune haben am Freitagabend die Tribünen im Hof vor dem Schlössle gefüllt, um die Premiere – eigentlich eine echte Uraufführung – des diesjährigen Welfentheaters zu erleben.

Wohl angeregt vom 200. Todestag des gar nicht so netten, zu Unrecht verklärten Räuberhauptmanns Xaver Hohenleiter, genannt der Schwarze Veri, hat die Ravensburger Schauspielerin und Theaterpädagogin Jutta Klawuhn diesmal für das Familien-Theater-Spektakel am Schlössle ein Stück gegen die Räuberverklärung geschrieben und inszeniert. Selbst wenn schon vor Beginn gruselig geschminkte Gestalten durch die Reihen ziehen, müssen bei den „Räuberkindern vom Altdorfer Wald“ auch die Kleinen nie Angst haben.

Es war schon eine schwere Zeit kurz nach den napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die meisten hatten nicht genug zum Leben, viele sahen keine andere Möglichkeit, als sich in den schier undurchdringlichen Wäldern zu verstecken und bei Raubzügen einsam gelegene Bauernhöfe zu überfallen, oft mehrmals in kurzen Abständen. Selbst Kinder sahen sich zum Stehlen von Essbarem gezwungen, um zu überleben. Die Obrigkeit aber wollte sichere Märkte, eine sichere Blutreiterprozession und sah in Erwachsenen und Kindern nur Verbrecher, die möglichst schnell hinter Schloss und Riegel gebracht werden sollten.

Archivar Uwe Lohmann hat für die Autorin nach historischen Figuren, die sich in der Gegend herumtrieben, geforscht. So stehen gestandene Weibsbilder wie die Rote Frickingerin, die Schwarze Liesl, die dicke Margreth, die Columbina und die stumme Jule leibhaftig da, und aus der berüchtigten Bande des Schwarzen Veri ist der „schöne Fritz“ mit von der Partie, der sich so hübsch in Positur stellt, durch seine Haare fährt und den Kopf zurückwirft, dass die jungen Mädchen auf dem Jahrmarkt von dem unwiderstehlichen Burschen schwärmen. Jutta Klawuhn stellt der Gruppe der erwachsenen Räuber eine Kinderbande um die wilde Auguste gegenüber.

Mit geschwärzten Gesichtern, in einfacher Kleidung stehen sie als richtig schöne Bilderbuchräuberinnen da und sind gewitzt dazu. Die Verhältnisse haben sie ins Elend getrieben, vor unmenschlichem Zuhause sind sie geflohen und doch im Herzen anständig geblieben – sie müssen sich halt holen, was sie zum Überleben brauchen, doch wenn ein anderes Kind Hilfe sucht, dann sind sie schnell dabei.

Zwar hat die Auguste auf dem Markt einen Apfel geklaut, doch die weinende Lina, die ihr Schwesterchen sucht, darf bei ihrer Räuberbande schlafen, auf die dank der couragierten Kräuter-Marktfrau und des einsichtigen Kriminalkommissars Lauterwasser zuletzt ein Happyend wartet, das nicht verraten sei. Es gibt halt doch auch andere Lösungen, als die Kinder einfach wegzusperren.

Überzeugend sind die Handlung und die frischen Dialoge, die trotz Klawuhns anfänglicher Bedenken bis in die hinterste Reihe gut zu verstehen sind – die sechzig Spieler von den Kleinsten bis zu den Studenten machen ihre Sache bestens. Bunt und lebhaft sind die Marktszenen, köstlich spöttisch sind die begriffsstutzigen, faulen Polizisten und Nachtwächter gezeichnet. Und mittendrin die großen und kleinen Räuberinnen, die Mond- und Sternekinder, die die Nacht darstellen, die lebenden „Bäume“, die als Versteck dienen, die Bänkelsänger und die putzigen Blutreiter mit Zylinder auf Steckenpferden - alles wuselt und lebt. Ein richtiges Stück für ein echtes Kinderfest, unterhaltend und nie rührselig.

Ein besonderer Gewinn ist wieder das Ensemble „Vivace“, das Lehrerensemble der Schule St. Christoph in Zußdorf unter der Leitung von Bettina Simma, das Originalmusik aus der damaligen Zeit spielt, angefangen beim Lied „Alleweil ein wenig lustig sein“ vom Benediktinerpater Valentin Rathgeber.

Das Welfenpaar Welf IV. und Judith von Flandern hat am Anfang nicht zu viel versprochen und Rolf Steinhauser, der Erste Vorsitzende der Welfenfestkommission, hatte zuletzt nach dem Heimatlied den vielen Mitwirkenden und Mithelfern zu danken für eine prächtig gelungene Premiere: allen voran Jutta Klawuhn und den Theaterpädagoginnen Annika Krüger und Miriam Kessel, dem Schminkteam Banholzer, Doris Schuhmacher für die Kostüme sowie der „Kinderbändigerin“ Gisela Koch-Zülke und der Organisatorin Eva Stärk.

Weitere Aufführungen gibt es am Dienstag, 2. Juli, und Donnerstag, 4. Juli, um 19 Uhr sowie am Sonntag, 7. Juli, um 17 Uhr.

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