Jung, körperbetont und permanent in Bewegung

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 Interaktive Choreografie: Fünf Tänzerinnen und vier Tänzer nahmen sich Tanzpartner aus dem Publikum oder animierten kollektiv z
Interaktive Choreografie: Fünf Tänzerinnen und vier Tänzer nahmen sich Tanzpartner aus dem Publikum oder animierten kollektiv zum Mitmachen. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Innerhalb des von Ravensburg und Weingarten ausgerichteten Landes-Jazz-Festivals 2019 hat der Auftritt der „Kibbutz Contemporary Dance Company 2“ unter dem so einfachen wie umfassenden Titel „360 Grad“ im Kultur- und Kongresszentrum (KuKo) eine Ausnahme gebildet. Weil, wie Gerhard Reuter von Jazztime Ravensburg in seiner Ansprache betonte, sowohl der Jazz- wie auch Tanzveranstaltungen eher ein kleines Publikum anzögen und er sich deshalb über so viele, auch junge Besucher sehr freue.

Dann wird die Bühne dunkel und ein paar Takte Bach erklingen. Doch viel Zeit bleibt nicht für diese anfänglich meditative Stimmung. Denn sogleich wird Bach von harten Beats abgelöst, ebenso wie die Figuren der Tänzer oft abrupt wechseln. Manche Zuschauer werden einen roten Faden in der Choreografie vermisst haben. Andere wiederum waren begeistert von der Dynamik der jungen Leute, ihrer nimmermüden Expressivität und ihrer ansteckenden Bewegungsfreude.

Sie alle entstammen einer Tanzschule, die 1994 in der landschaftlichen Abgeschiedenheit des Kibbutz Ga'aton und in acht Kilometer Nähe zur libanesischen Grenze neu entstand. Und zwar als Nachfolge für das 1970 von der Tänzerin und Holocaust-Überlebenden Yehudit Arnon gegründete Tanzensemble „Kibbutz Contemporary Dance Company“ (KCDC). Dieses war in Israel bekannt als Repertoire-Ensemble für Choreografien von Zeitgenossen.

Mit dem künstlerischen Leiter Rami Be'er, den Yehudit Arnon bereits im Alter von drei Jahren unterrichtet hatte und sich später zum Cellisten ausbilden ließ, gelang dem nun verjüngten Ensemble, mit modernem Tanz auf Tourneen internationale Bedeutung zu erlangen. Bis zu 14 Tänzer im Alter von 18 bis 24 Jahren werden nach einem Vortanzen ausgewählt und absolvieren ein intensives Training von zwei Jahren.

Die Choreografien, die Bühnenbilder und das Lichtdesign entwirft Rami Be'er selbst, die Musik ist eine Collage aus verschiedensten Quellen. Von Minimal Music über Pop, Heavy Metal, Hip Hop, Folklore, dazwischen immer wieder Schnipsel aus den Cellosuiten von Bach, konterkariert mit stampfenden Rhythmen oder seltener melodiös, ein paarmal gehört auch heftiges Lachen zur musikalischen Untermalung.

Die Aufmachung der Tänzer ist denkbar schlicht. Eigentlich sind es Uniformen mit schwarzen Hosen bis zum Knie und weiße Hemden mit rot gesticktem Emblem, perfekter Unisex, bloße Füße. Gelenkig und akrobatisch begabt sind sie alle, doch nur einige lassen aus den manchmal etwas einseitigen Bewegungsabläufen eine fließende Geschmeidigkeit strömen, die geeignet ist, Handlung zu ersetzen und Emotion auszulösen.

Im paarweisen Tanz, in Reihen oder Runden, im Stillsitzen auf schwarzen Trittleitern am Rand vergeht eine ganze Weile, bis plötzlich die Neun von der Bühne kommen und sich pantomimisch ihre Tanzpartner aus dem Publikum holen. Das freundliche Miteinander auf der Bühne – ein wenig einer Gymnastikanleitung ähnelnd – amüsiert das Publikum und die Mitmachenden.

Und schon geht es weiter mit den zuckenden Leibern, die so schnell und expressiv zackig auf den äußersten Zehnspitzen laufen können und manchmal auch einfach nur auf der ganzen Bühne durcheinander toben oder miteinander kämpfen.

Zum zweiten Kontakt mit dem Publikum in dieser knappen Stunde kommt es, als sie wieder von der Bühne steigen und von verschiedenen Punkten aus das gesamte Publikum zum Aufstehen, sich Beugen, die Hände oder einen Arm nach oben Strecken animieren. Und da machen dann auch alle willig mit. Am langen und herzlichen Beifall ließ sich wieder einmal ermessen, dass Kommunikation Publikum sich in Freude auszahlt.

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