Jung, hübsch und fantastisch gute Jazzer

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 Das Bujazzo in 16-köpfiger Besetzung und mit den fünf „Bujazzo Jazz Singers“, Bandleader und künstlerischer Leiter Jiggs Whigha
Das Bujazzo in 16-köpfiger Besetzung und mit den fünf „Bujazzo Jazz Singers“, Bandleader und künstlerischer Leiter Jiggs Whigham übernahm die kommunikative Moderation. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Das vorletzte Konzert beim Landes-Jazz-Festival „A Tribute to The Kenny Clarke-Francy Boland Big Band“ war ein weiteres Highlight in diesen neunzehn Tagen, an denen Jazzmusik in Ravensburg und Weingarten zu hören war – „ein Privileg“, wie Gerhard Reuther von Jazztime Ravensburg als Begrüßung voran schickte. Dem konnte Projektleiter Dominik Seidler vom Deutschen Jazzverband nur beipflichten. Zugleich hob er das Verdienst des nun 31 Jahre alten Bundesjazzorchesters um den Nachlass von 200 handgeschriebenen Arrangements der Jazzlegenden Kenny Clarke und Francy Boland hervor, die es 2018 von der Familie des Produzenten Pierluigi Campi in acht Umzugkartons vermacht bekam. Noch gibt es keine CD davon, aber sie kommt bestimmt.

Das Kultur- und Kongresszentrum (Kuko) ganz edel: der Samtvorhang hinter der Bühne, gut für die Akustik und den Eindruck einer Intimität, die auf offener Bühne verloren ginge, eine dezente, sehr schön gliedernde Lichtregie sorgt auch optisch für eine stimmige Atmosphäre. Auftritt des Bujazzo: mit 16 Mitgliedern rund ein Drittel der gesamten Besetzung, die alle zwei Jahre wechselt. Dann kommt gemessenen Schrittes Bandleader Jiggs Whigham auf die Bühne, als „Teil unserer DNA“ wurde er von Seidler angekündigt. Und Whigham erobert das Publikum im Sturm: „Hallo Weingarten!“, beginnt er, großer Applaus, dann nach einer Pause „Hallo Ravensburg!“, wieder Jubel. Er stehe vor einem „Weltklasseorchester“, sagt er - und noch bevor sie einen Ton gespielt haben, glaubt man diesem mit selbstironischem Humor begabten Mann alles.

Arrangements von Clarke-Boland

Dann fangen sie an - mit „You stepped out of a dream“, „Lullaby of the Leaves“ oder „Love for Sale“ in Arrangements von Clarke-Boland, ein satter, warmer voller Sound, der den ganzen Abend über bleiben wird. In der ersten Stunde bis zur Pause sind es vor allem Standards und immer bekommt ein Instrument Zeit für ein Solo, Whigham winkt seine Bläser mit einem Fingerzeig nach vorne, hinterher werden sie umarmt, eine väterliche Geste. Aber sie spielen auch fantastisch gut zusammen: Einen einzigen Ton bilden manchmal die fünf Saxophone, die vier Trompeten, da wackelt nichts, das ist aus einem Guss, das strömt auch in den haarscharfen Dissonanzen. Ganz großer Big Band-Sound kommt mit den fünf starken Stimmen des Gesangsensembles und Songs wie „Smoke Gets in Your Eyes“. Das sieht alles easy aus, ist aber schwer, die Volumina so klangrein zu bändigen. Auch klar, dass bei einer Bigband die Bläser meist die größte Stimme haben, gleichsam die Grundstruktur des Klangkörpers bilden. Aber wie wichtig für die Verräumlichung dieser Struktur sowohl Kontrabass wie Klavier und Gitarre sind, wird hier ebenso deutlich.

Jiggs Whigham, 1943 in Cleveland geboren und seit 1965 in Deutschland, Posaunist, Hochschullehrer in Köln und Bandleader des Bujazzo seit 2011, hat die deutsche Jazz-Szene seit Jahrzehnten mitgeprägt. Kaum eine berühmte Formation, in der er nicht mitgewirkt hätte. Vor allem bringt er aus seiner reichen musikalischen Erfahrung eine wichtige Eigenschaft des Jazz mit, nämlich Aufgeschlossenheit, Lebensfreude und Flexibilität, den Spaß am Musizieren merkt man ihm immer an.

Pro Jahr rund vier Arbeitsphasen

Er weiß, dass die Jungen einfach alles geben, ihr Schwung trägt auch ihn. Als Moderator, Laudator seines Ensembles, Kommunikator mit dem Publikum und mit Hommagen an Kollegen ist er ein warmherziger Profi; das Ensemble stellt er einzeln vor mit den jeweiligen Studien- oder Heimatstädten Berlin, Hamburg, Köln, Essen, Stuttgart, Nürnberg, Leipzig, Wien, Basel, nur vier kommen aus Baden-Württemberg. „Ist das nicht ein fantastisches Orchester - und alle so jung?“, ja, stimmt, vor allem wenn man bedenkt, dass pro Jahr rund vier Arbeitsphasen mit verschiedenen Themen anstehen.

Und sie lassen sich nicht lumpen: gute zwei Stunden reines Konzert mit tollen Stücken wie „Box 703“ mit einem fabelhaften Schlagzeugsolo, oder „November Girl“ mit Altsaxophon zu Bass, Piano und Drums - und damit es nicht zu sentimental wird - grätschen am Ende vier dissonante Trompeten dazwischen. Oder „Griff's Groove“, „All Blues“, „Johnny One Note“ mit einem rasend virtuosen Bass.

In der Zugabe „Sax, no end“ legen alle Fünf ein Supersolo hin und Whigham erfreut das jubelnde Publikum mit seiner Weihnachtsbotschaft – „mehr Humanität“ in dieser schwierigen Zeit.

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