Intime musikalische Momente

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 Auf einer ganz besonderen zehnsaitigen Terzina-Bogengitarre, einem Museumsnachbau, und einer sechssaitigen Gitarre mit einem sc
Auf einer ganz besonderen zehnsaitigen Terzina-Bogengitarre, einem Museumsnachbau, und einer sechssaitigen Gitarre mit einem schimmernden Boden aus so genanntem „Seidenholz“ (frisches Holz der Elsbeere) spielte der Gitarrist Frank Bungarten im Schlössle besondere Gitarrenliteratur. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Der Festsaal im Weingartener Schlössle war randvoll besetzt und im Laufe des Abends wurde auch die Luft etwas knapp. So viele Interessierte wollten den Gitarrenmusiker Frank Bungarten erleben. Aber das tat der Konzentration der rund 70 Gäste keinen Abbruch. Denn so nah kommt man schließlich fast nie einem Musiker und den Instrumenten wie hier, wo man dicht zusammen sitzt. Und erlebt damit vielleicht auch die Atmosphäre einer fernen Zeit, in der die Lauten- und Gitarrenmusik eine intime Kammermusik oder Hausmusik war, die oft eine Stimme begleitete, aber schon vor dem 19. Jahrhundert auch instrumental als vollwertig angesehen wurde.

Frank Bungarten, Jahrgang 1958 und seit seinem zehnten Lebensjahr mit der Gitarre vertraut, erklärte gleich zu Beginn die Finessen der Bogengitarre. Ein Unikat, diese exakte Kopie eines Instruments aus dem Musikinstrumentenmuseum Berlin, mit ihrem zweiten Hals für die vier zusätzlichen Basssaiten und einem zweiten Schallloch, das enorm viel mehr Volumen, fast einen eigenen Echoraum erzeugt; sie ist eine Terz höher als die normale Gitarre. Man fühlte sich fast vom Klang her an ein Cembalo erinnert, auch in der Trockenheit der Töne, die wuchtig klingen, aber nicht weich schwingen. Eine moderne Gitarre, die seit dem 19. Jahrhundert mehr oder weniger ähnlich gebaut wird, sei viel farbiger, dunkler und weicher im Ton, erklärte Bungarten die Besonderheiten dieses mit feinen Intarsien verzierten Instruments, das um 1820 entstand, dem aber keine besonders lange Geschichte beschieden war.

Bungarten spielte darauf drei kurze Stücke des englischen Renaissancekomponisten John Dowland, zwei Fantasien (Fancy), die eine Allemande umrahmten. Danach stellte er den Notenständer beiseite und spielte den ganzen Rest des Konzerts auswendig. So auch die Bach-Suite c-moll BWV 997 für Laute oder für Clavicembalo geschrieben, die vor allem mit ihrem fünften Satz „Double“, einem sehr melodischen Tanz, überraschte. Dieser wäre wohl auf einer einfachen Laute nicht spielbar gewesen.

Im zweiten Teil dann eine ganz andere Klangerfahrung: mit der sechssaitigen Gitarre, ein modernes Instrument aus altem schönen Holz wie die Unterseite aus Seidenholz gebaut, kam spanische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts zu Gehör. Die „Estudios“ des hier weniger bekannten Katalanen Emilio Pujol schildern Naturstimmung, entbieten Scarlatti oder Chopin einen Gruß, bearbeiten Tänze aus dem Baskenland oder einen Klagegesang des Flamenco, schildern einen Vogelgesang oder den Hummelflug. Zu Pujol hat Bungarten gerade eine CD herausgebracht.

Auch die vier Stücke von Federico Moreno Torroba – Bungartens Lieblingskomponist – waren eine Entdeckung. Sie sind höchst gemütvolle Stimmungsbilder, die Bungarten mit sprechender Mimik und seufzendem Atmen untermalte. Aber es gab auch meditative Passagen darin und ein fröhliches Lied zum Schluss.

Und damit nicht genug: die Zugabe entführte noch mal nach Spanien, nun über den Italiener Mario Castelnuovo-Tedesco, der 1960 das Buch „Platero y yo“ von Juan Ramón Jiménez vertont hatte, welcher mit diesem poetischen Roman 1914 ein Hauptwerk der modernen Prosa geschaffen hatte.

Das Publikum, sehr interessiert, richtete nach dem Konzert noch viele Fragen an den Musiker und der CD-Tisch war fast leer geräumt – deutlicher konnte man die Anerkennung für dieses besondere Konzert kaum zeigen.

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