In der Falte liegt die Kraft

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 Kunstprofessor Martin Oswald kuratierte die Skulpturen-Ausstellung von Herbert Mehler in der Kornhausgalerie.
Kunstprofessor Martin Oswald kuratierte die Skulpturen-Ausstellung von Herbert Mehler in der Kornhausgalerie. (Foto: Margret Welsch)
Margret Welsch

Skulpturen in diesen Ausmaßen hat man selten in der Kornhausgalerie Weingarten gesehen. Es sind die an Früchte und Körper erinnernden Edelrost-Plastiken des renommierten Bildhauers Herbert Mehler. Ihr Markenzeichen ist die Lamellen-Optik. Auch im Schlösslegarten treten drei der mannshohen, fein geformten Außenskulpturen in Dialog mit der Natur. Der Kurator und Kunstprofessor Martin Oswald führte in das Werk des bei Würzburg lebenden Künstlers ein.

Sie haben so schöne Namen wie „cipresso“, „zucca“ oder „asparago“. Und Assoziationen mit Pflanzen und Natur liegen auf der Hand beim Betrachten der konvexen und konkaven, perfekt gefalteten Metallkörper in samtigem Rostton, die stimmig in der Kornhausgalerie platziert sind. Kurator Oswald ist nicht der Versuchung erlegen, den Kornhaussaal voll zu stellen, um möglichst viel vom Werk des in Hessen geborenen und international bekannten Künstlers zeigen zu können.

Der an der PH lehrende Kunstdozent gab den großen Skulpturen den Raum, den sie zur Entfaltung ihrer magischen Wirkung brauchen. Und er fand darüber hinaus eine gute Balance, einen guten Rhythmus in der Setzung der kleinen, mittleren und großen Mehlerschen Metallplastiken, die weltweit in Museen, auf Messen und im öffentlichen Raum vertreten sind. Der bewegt und doch bewegungslose Faltenwurf, die sanften Rundungen, die rotbraune Patina geben den Gebilden eine sinnlich warme Ausstrahlung.

Es sind Urformen, die man seit Ewigkeiten kennt. Sie erinnern an Knospen, Früchte, Bäume, Säulen und Körper. Als eine Verbeugung vor der Schöpfung will der 70-jährige Bildhauer, der wechselweise im fränkischen Eisingen und in Griechenland lebt und arbeitet, sein Werk verstanden wissen. Die Stahlskulpturen, zumal die nach oben strebenden, strahlen Erhabenheit aus und lassen an gotischer Dome denken. Entsprechend sind Mehlers Arbeiten in ihrer numinosen Ausstrahlung auch in sakralen Räumen vertreten.

Martin Oswald, gut vernetzt in der Kunstszene, lernte den bedeutenden Vertreter der Stahlkunst vor drei Jahren in Altshausen bei Mehlers „Kavex“-Ausstellung im öffentlichen Raum kennen. Der gefragte Künstler wuchs in einer Holzbildhauerfamilie in Steinau bei Fulda auf. Sein Weg führte ihn in an die Akademie nach Nürnberg. Experimentierte er früher mit figurativen Skulpturen, hat er erst vor 20 Jahren zu dieser charakteristischen Formensprache des gefalteten Stahls gefunden.

In seinem riesigen Atelier im Erbachshof im fränkischen Eisingen formt er in harter Knochenarbeit, mit Schweißgerät und bei Gluthitze, aus bis zu acht Meter langen Stahlplatten, sprödem Metall, seine filigranen wie robusten Faltskulpturen, die gleichermaßen Bewegung wie meditative Ruhe ausstrahlen. Wozu der Prozess des Rostens sein Übriges tut. Die großen Skulpturen sind innen hohl, damit die Schwergewichte auch besser zu transportierten sind. Die kleinen „Handschmeichler“ sind dagegen in Gusstechnik geformt.

Die Kornhausgalerie zeigt ferner Zeichnungen von Mehler. In dem Fall sind es keine Entwürfe zu seinen dreidimensionalen Arbeiten, sondern eigenständigen Werke. Gewellte Linien in Graphit, die in ihrer Plastizität sozusagen Vorspiel zum Thema sind. Das sich im Übrigen nicht auf die Kornhausgalerie beschränkt, sondern in einen kleinen Skulpturenpark im herbstlichen Schlösslegarten mündet, wo „belladonna“ und „fiamma“ ihre sinnlich Msurreale Magie verströmen können.

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