„Ich war einfach ein Störfaktor“

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 Douglas Wolfsperger in einer Szene des Films „Der entsorgte Vater“.
Douglas Wolfsperger in einer Szene des Films „Der entsorgte Vater“. (Foto: Joachim Gern)
Schwäbische Zeitung

Mit seinem Film „Der entsorgte Vater“ sorgte Douglas Wolfsperger im Jahr 2008 bundesweit für Aufsehen. Zehn Jahre später kommt er am Freitagabend um 20 Uhr mit seiner Dokumentation über das Thema Vater-Sein ohne Sorgerecht in das Kulturzentrum Linse in Weingarten. Denn bis heute hat das Thema nichts an Aktualität eingebüßt – im Gegenteil. Im Interview mit Oliver Linsenmaier spricht Wolfsperger vorab über seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen, die schwierige rechtliche Lage sowie über das maßgebliche Thema der Entfremdung, die bis heute das Verhältnis zu seiner Tochter belastet.

„Der entsorgte Vater“. Das hört sich hart an. Was meinen Sie damit?

Jeder weiß ja, was mit Entsorgung gemeint ist. Man entsorgt Müll oder wenn etwas nicht mehr wichtig ist. Der entsorgte Vater ist ja kein neuer Begriff. Es gab schon ein Buch von Matthias Matussek und da habe ich den Titel übernommen. Egal ob entsorgter Vater oder entsorgte Mutter: Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen und die Kinder vor allem ihre Elternteile nicht mehr sehen dürfen. Das ist ja noch viel schlimmer. Da fühlt man sich einfach nicht besonders gut. Als es mich selber getroffen hat, habe ich gemerkt, wie sehr ich an meiner Tochter hänge, sie gerne sehen würde und als Vater einfach da sein will. Und das wurde mir als Vater dann versagt.

Ihre eigene Situation gab also den Anstoß für den Film. Können Sie davon noch ein wenig erzählen?

Ich hatte mit meiner damaligen Partnerin ein Kind. Wir waren aber nicht verheiratet, weswegen ich nach der Trennung auch nicht das Sorgerecht hatte. Als meine Ex-Freundin dann einen anderen Mann geheiratet hat, war ich einfach ein Störfaktor mit meinem Ansinnen, meine Tochter alle zwei Wochen das gesamte Wochenende zu sehen. Da meine Tochter aber sehr klein war, durfte ich sie nur jeden zweiten Samstag ein paar Stunden sehen. Und selbst das wurde dann zunehmend schwieriger, weil ich der Störfaktor war. Sie wollten eine neue und heile Familie und da war ich nicht mehr gewünscht. Wenn das dann so krass wird zwischen den beiden Eltern, dass die sich nicht mehr verständigen können, dann eskaliert das halt und treibt auch komische Blüten. So wurde der neue Mann dann als neuer Papa eingesetzt. Da hat der leibliche Vater dann das Nachsehen.

Inwiefern?

Die Umgänge wurden von Mal zu Mal schwieriger und willkürlicher. Da gab es immer tausend Gründe, warum ich die Tochter nicht sehen durfte. Und das Fatale ist, dass das passieren kann, ohne dass ein Gericht einschreitet. Die Richterin hat sich zwei Jahre Zeit gelassen mit einer Entscheidung. Da weiß jeder, dass ein Kind dann ganz schnell entfremdet und dass es dann einfach total schwierig bis unmöglich wird, einen vernünftigen Kontakt herzustellen.

Also konnten Sie Ihre Tochter zwei Jahre nicht sehen?

Genau, beziehungsweise nur vor Gericht. Der Umgang wurde ausgesetzt und das hatte keine Folgen für die Mutter.

Demnach hat man als Vater in dieser Situation – auch rechtlich – kaum eine Chance?

Das ist wie ein Sechser im Lotto und oft reine Willkür. Das Hauptproblem sind die Richter und diese ganzen Professionen, die da dranhängen. Also Sachverständige, Verfahrensbeistände und Jugendamtsmitarbeiter. Da habe ich gemerkt, dass oft der gesunde Menschenverstand fehlt. Zudem springen da viele Leute herum, die einfach schlecht ausgebildet sind. Da gibt es Richter, die mit Kinderpsychologie nichts am Hut haben. Mit den Kindern ist das eine sehr sensible Geschichte und man braucht viel Gespür, wie die Lage genau aussieht. Denn natürlich ist es dem Elternteil gegenüber loyal, bei dem es lebt. Wenn es dann manipuliert wird, um den anderen als Bösewicht darzustellen, muss man genau hinschauen. Was ich da erlebt habe, fand ich katastrophal.

Wie haben sich die zwei Jahre auf die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Tochter ausgewirkt?

Letztlich geht und ging es um Entfremdung. Auch nach den zwei Jahren ging das jahrelang weiter. Meine Tochter ist jetzt 20 Jahre alt, aber im Grunde haben wir erst seit zwei Jahren so etwas wie einen Kontakt. Da waren aber viele Jahre dazwischen, in denen ich gekämpft habe und wir keinen Kontakt hatten und ich irgendwann aufgegeben habe, weil es dauernd hieß, dass die Tochter den Papa nicht sehen will. Das war eine ganz schlimme Zeit. Ich merke nun, dass der Wille bei ihr da ist, aber da ist eine emotionale Kluft dazwischen. Wir haben sicherlich noch ganz viele Jahre vor uns, bis wir uns halbwegs angenähert haben und miteinander reden können.

Wie gehen Sie heute damit um?

Ich kenne wirklich viele ähnliche Fälle, da sind die Betroffenen hilflos und allein. Mein Glück war, dass ich als Filmemacher einen Film daraus machen konnte. Ich konnte das dann irgendwie verarbeiten. Und ich fühlte mich auch dazu berufen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen und diese Missstände aufzuzeigen. Und das hat ja dann auch etwas bewirkt. Da sind Diskussionen in Gang gesetzt worden. Allerdings merke ich, dass sich nicht wirklich etwas geändert hat.

Ist das auch ein Grund, warum Sie nun mit dem Film nach Weingarten kommen?

Das ist mit ein Grund. Der Film ist aktueller denn je.

Wie bewertet Ihre Tochter den Film?

Sie hat ihn mehrfach gesehen und weiß dadurch, wie es mir damals ging. Aber so weit, dass wir darüber sprechen können, sind wir noch nicht. Ich brenne darauf, mit ihr darüber zu reden, habe aber den Eindruck, dass es noch zu früh ist.

Wie hat die Mutter Ihrer Tochter auf den Film reagiert?

Sie hat eine einstweilige Verfügung durchgesetzt. Ich musste auf einem Bild das Gesicht meiner damals dreijährigen Tochter schwärzen – und das sechs Jahre später, als meine Tochter gar nicht mehr wiederzuerkennen war. Inhaltlich kam aber keine Reaktion.

Wenn wir beim Inhalt sind: Was können die Zuschauer vom Film erwarten?

Er ist sehr persönlich gehalten. Da werden verschiedene Väter porträtiert, denen es ähnlich geht wie mir. Es ist ein sehr subjektiver Film aus der Sicht der Väter geworden. Das war eigentlich nicht geplant. Ich wollte eigentlich gerne die Gegenseite hören und auch privat wissen, was die Mutter dabei denkt. Ich habe dann immer auch die Ex-Frauen befragt. Die haben mir gerne Auskunft gegeben, aber vor der Kamera nur unter der Bedingung, wenn der Ex nicht mitmacht. Da habe ich gemerkt, dass ich den Film aus meiner Sicht und der meiner Leidensgenossen zeigen muss. Es geht ja nicht um schmutzige Wäsche oder eine vergurkte Partnerschaft. Es geht darum, dass die zwei Eltern für ihr Kind da sein müssten und sich nicht gegenseitig beschuldigen. Daher dachte ich, dass es mehr zum Nachdenken anregt, wenn man nicht immer nur das Pro und Contra serviert bekommt.

Gibt es für Sie einen Lösungsansatz?

Die Parteien müssten das zumindest mal als Programmpunkt aufnehmen. Meines Wissens macht das nur die FDP, aber das ist nicht gerade meine Partei. Dabei geht es ja auch um das Wechselmodell, über das gerade heiß diskutiert wird. Also, dass ein Kind zur Hälfte bei der Mutter und zur Hälfte bei dem Vater lebt, wenn das örtlich überhaupt möglich ist. Da muss man sich überlegen, wie man das gestalten kann. Es wäre schon ganz viel geholfen, wenn man ein paar Erfahrungswerte umsetzen würde. Aber die großen Parteien scheint das nicht zu interessieren.

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