Historiker : Wilhelm Hofmann war ein Nazi

Lesedauer: 5 Min
Schwäbische Zeitung

Die Schullandschaft in Weingarten kommt nicht zur Ruhe. Im Focus steht diesmal die Wilhelm-Hofmann-Schule, deren Namensgeber jetzt eine ausgeprägte Nazi-Vergangenheit nachgewiesen werden konnte.

Der Heilbronner Hofmann (1901 bis 1985) galt als herausragender Pädagoge, die „heutige Sonderschulpädagogik des ganzen Landes fußt auf seinen Schriften und Lehren und seinem großen Engagement“, schreibt die Stuttgarter Zeitung in ihrer gestrigen Ausgabe. Ernste Zweifel an seiner Person kamen vergangenes Jahr auf, als die Heilbronner Pestalozzi-Schule – Hofmann war dort Rektor – zu ihrem 100. Geburtstags eine Chronik in Auftrag gab. Gerhard Eberle, Professors für Sonderpädagogik, belegt darin eindeutig Hofmanns Vergangenheit in der NSDAP.

Nach diesen ersten Aufdeckungen hat der Historiker Thomas Schnabel, Leiter im Haus der Geschichte in Stuttgart, ein Gutachten erstellt, das der „Schwäbischen Zeitung“ in Kurzform vorliegt.

Demnach trat der Pädagoge 1934 in die NSDAP ein: „Hofmann konnte dadurch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des württembergischen Hilfsschulwesens gewinnen bzw. bewahren“, stellt Schnabel fest.

„Gleichzeitig übernahm er auch zunehmend und freiwillig Ämter in der NSDAP, zunächst als Ortsgruppenredner, schließlich als Kreisredner und daneben in den NS-Lehrerorganisationen. Er hielt nicht nur Fachvorträge, sondern auch Vorträge zu sog. weltanschaulichen Fragen. Es gibt keinen Hinweis, dass er dazu gezwungen wurde…“

Manuskripte von Hofmanns Vorträgen liegen nicht vor, Titel sind aber bekannt. So sprach er „über die Rassenfrage“, über „Nationalsozialistische Bevölkerungs- und Rassenpolitik“, über „Das dem Reich zurückgewonnene deutsche Land Luxemburg“ und verurteilte das Attentat Georg Elsers auf Hitler auf das Schärfste. In Aufsätzen forderte er, geistig behinderte Kinder nicht mehr zu beschulen und propagierte eine „Leistungs- und Gesittungsschule“.

„Jüdischer Einfluss durch Jazz“

Jazzmusik bezeichnete Hofmann „als Fremdkörper und Auswirkung jüdischen Einflusses“ mit „einer zersetzenden Wirkung“. Und die deutsche Frau solle an „Stelle unechten ,Aufmachens'“ eine „natürliche Körper- und Schönheitspflege setzen“.

Nach dem Krieg wurde Hofmann entnazifiert, er galt als Mitläufer. In dem Entnazifizierungsverfahren bestritt er allerdings, über die Rassenfrage referiert zu haben und verschwieg Reisen nach Luxemburg und ins Wartheland. Das Wartheland war berüchtigt für den Nazi-Terror gegen Juden und Polen.

Ein Mitläufer? Der Historiker Schnabel bezeichnet ihn als „Mitmacher“, wahrscheinlich aber kein Täter und auch kein Denunziant. „Allerdings war er kein unbedeutendes Rädchen im nationalsozialistischen Getriebe Heilbronns, sondern als Redner und Funktionär für das Regime sehr aktiv, ob aus Ehrgeiz und/oder Idealismus können wir heute nicht mehr beantworten.“

Rätselhalft bleibt auch, wieso die braunen Flecken in seiner Biografieerst so spät publik wurden, vor allem aber, wie der Mann so radikal seine Einstellungen ändern konnte.

Nach dem Krieg sah er die „Hilfsschule“ nicht mehr als Bewahranstalt an und machte keine groben Unterschiede zwischen Regel- und Hilfschülern, wollte die Hilfebedürftigen möglichst in den gängigen Schulbetrieb integrieren. Das heutige Sonderschulsystem geht auf ihn zurück.

Neben Heilbronn gibt es noch in Herbrechtingen (Kreis Heidenheim) eine Wilhelm-Hofmann-Schule sowie in Dornstetten (Kreis Freudenstadt) und eben in Weingarten. Die Stadtverwaltung will ersteinmal das Gutachten prüfen, sieht verständlicherweise aber Heilbronn als federführend in dem Verfahren. Ändert die dortige Schule ihren Namen – davon ist auszugehen – werde auch Weingarten reagieren, teilt die Stadt auf Anfrage mit.

Skurill: Entscheidet sich der Rat für die Fusion von Oberstadt- und Promenadeschule, würden gleich drei von vier Weingartener Grundschulen ihren Namen verlieren.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen