Gypsy Jazz in allen erdenklichen Facetten

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 Das Monaco Swing Ensemble mit Jan Kiesewetter, Jakob Lakner, Julia Hornung, David Klüttig und Daniel Fischer (von links) im Kul
Das Monaco Swing Ensemble mit Jan Kiesewetter, Jakob Lakner, Julia Hornung, David Klüttig und Daniel Fischer (von links) im Kulturzentrum Linse. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Dass ihnen der Gypsy Jazz im Blut liegt, ist am Samstag im Kulturzentrum Linse von der ersten Spielminute an klar gewesen. Dass das Monaco Swing Ensemble genauso brillant diverse andere musikalischen Register ziehen kann, bewies der rund zweistündige Abend im großen Kinosaal. Jazzimprovisationen, Bossa Nova, Klezmer, Swing und ein Touch World Music machten ihren Gastauftritt aus. Über all dem schwebt ihr unangefochtenes Idol.

Mit Saxophonist Mulo Francel und Jazzgitarrist Diknu Schneeberger haben sie bereits konzertiert. In München gelten sie schon lange nicht mehr als Geheimtipp, sondern als eine der besten Gypsy-Formationen. Am Abend in der Linse gab sich Klarinettist Jakob Lakner etwas enttäuscht über den nur halb vollen Saal. Doch schnell war diese Eintrübung wie weggefegt angesichts der guten aufgeladenen Stimmung. Django Reinhardt, der Urvater des Gypsy Jazz, schwebt über ihnen als das große Idol. Ihm gewidmet war das Intro mit „Doux ambiance“ als eines, dass umgehend klar machte, wie diese Musik funktioniert. Hochrhythmisch und hochenergetisch, sobald der Weingartner Gitarrist David Klüttig, vielen bekannt aus der Formation Drahtzieher, und Daniel Fischer in die Saiten ihrer Akustikgitarren greifen. Sie entfachen einen Up-Tempo Swing, der das Feeling einer alles antreibenden Dampflok vermittelt. Hinter ihnen hat sich Julia Hornung mit ihrem Kontrabass postiert. Sie ist neben Daniel Fischer die tragende Rhythmusinterpretin, die den Solopartien den Boden bereitet. Ohne sie ginge nichts. Jakob Lakner an Klarinette und Bassklarinette, Jan Kiesewetter aus Augsburg an Sopran- und Tenorsaxophon übernahmen die Bläsersätze, die sich gegenseitig bis in die höchsten Lagen und vewinkelsten Ecken der Griffleisten beflügelten. Im Gepäck hatte die Band nach dem Debüt mit „Marais“ (2016) und „Ripley and the Talents“ (2017) ihr aktuelles Album „Hot Ginger“. Geradezu überragend und hinreißend gibt sich Klüttigs Saitenspiel, wenn es sich über den dampfenden Rhythmusakkorden Fischers und Hornungs zu extravaganten Improvisationen aufmacht. Swingend und jazzig im Wechsel mit einem „Waltz for Edith“, den er seiner Mutter gewidmet hat. Versöhnlich tönt diese Melodie, abgelöst von „Chant in the night“ als Hommage an den französischen Saxophonisten Sidney Bechet, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag hätte feiern können. Mit Kiesewetter in der Solopartie verströmte das Stück einen mystisch-arabisch gefärbten Klang, der verführerischer nicht hätte sein können und nebenbei auch an Atmosphärisches eines Quadro Nuevo erinnerte.

Sich ganz dem Treiben hingeben

Das Album wartet vor allem mit schön arrangierten eigenen Kompositionen wie Kiesewetters „Tiny Tune“, Klüttigs „Golden Hour“ oder „Alfama“ von Daniel Fischer auf. Das habe er während eines zweitägigen Kurzurlaubs in Lissabon zu Papier gebracht, kommentierte Lakner mit einigem Humor diesen Clou, der Hornungs Kontrabass in den Fokus rückte. Sehr sinnlich und ganz dem Treiben hingegeben beim Gedanken an Lissabons enge verwinkelte Altstadt. Doch damit nicht genug, wenn Lakner ans Mikrofon tritt, um in George Gershwins „But not for me“ seine Gesangsstimme mit ins Spiel zu bringen. Jazzig und lasziv.

Das sich unvermittelt der Musik Hingeben und die Zeit vergessen können, macht den Sound des Monaco Swing Ensemble aus. Darauf versteht sich das Quintett bestens, scheinbar vollkommen unangestrengt den Tonleitern ein Höchstmaß an Klangvirtuosität abzuverlangen. Hier in diesem Old School-Traditionskino, wo in München gerade wieder eines geschlossen worden sei, bedauerte Lakner. Und gestand, dass auch er sich wie ein Süchtiger auf Netflix getummelt habe, doch jetzt sei Schluss damit. „Bravo“, tönte es postwendend aus dem Saal. Passend dazu klang dieser Abend mit „End of story“ aus, in der sich Bassklarinette und Saxophon nochmals ein süchtig machendes Duett inszenierten.

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