Glänzende Äpfel erinnern an ein Ereignis vor 925 Jahren

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 Im diesjährigen Früchteteppich der Marienkapelle in Weiler fand das Heilig-Blut-Jubiläum Weingarten seinen Niederschlag.
Im diesjährigen Früchteteppich der Marienkapelle in Weiler fand das Heilig-Blut-Jubiläum Weingarten seinen Niederschlag. (Foto: Anton Wassermann)
Anton Wassermann

Ein Großereignis wie 1994 ist in diesem Jahr das Jubiläum der Heilig-Blut-Verehrung in Weingarten zwar nicht. Aber es gab verschiedene Anlässe, um daran zu erinnern, dass vor 925 Jahren ein Teil der zuvor in Mantua aufgetauchten Heilig-Blut-Reliquie in den Besitz des Klosters Weingarten gekommen war. So konnte man sechs Wochen lang in der frühbarocken Marienkapelle im Berger Ortsteil Weiler einen Früchteteppich bewundern, der an dieses Ereignis erinnerte.

Geschaffen hatte ihn Hildegard Heiß aus Weiler. Seit zehn Jahren schmückt sie zum Erntedankfest Anfang Oktober die kleine, aber feine Kapelle in Berg mit einem persönlichen Kunstwerk aus. Und immer findet sie dafür ein anderes Motiv. „Das ist gar nicht so einfach; denn ich versuche schon, einen Bezug zur örtlichen Pfarrgemeinde herzustellen“, erzählt sie. Doch das gelingt eher selten. Dann illustriert Hildegard Heiß eine markante Bibelstelle oder lässt sich von einem Kirchenlied inspirieren.

Bezug zu Berg war auch gleich gefunden

Doch in diesem Jahr kam ihr die zündende Idee bei der Gruppenführerversammlung der Blutreiter am Ostermontag in Weingarten, als daran erinnert wurde, dass die Weingartener Reliquie ein kleines Jubiläum feiert. Und der Bezug zu Berg war auch gleich gefunden. In der Schenkungsurkunde, in der Judith von Flandern das kostbare Erbe ihres Vaters dem welfischen Kloster Weingarten vermacht hat, ist erstmals die Pfarrei Berg erwähnt. Also taucht links im Bildhintergrund neben zwei Blutreitern mit Standarten auch die Berger Kirche auf.

Auf der rechten Seite ist die Basilika Weingarten zu sehen, die seit 1774 das Heiligtum beherbergt. Im Zentrum steht aber das Reliquiar, davor erscheinen die Stifterin Judith von Flandern und ihr Gemahl Welf IV., der das Kloster als Grablege für sich und seine Nachfahren gegründet hatte. Die Rebstöcke an den Hängen des Martinsbergs dürfen natürlich nicht fehlen.

Äpfel werden extra auf Hochglanz poliert

Wie viele Stunden Hildegard Heiß an diesem Bildteppich gearbeitet hat, vermag sie nicht zu sagen: „Im Sommer beginne ich damit, Skizzen anzufertigen und mir Gedanken zu machen, welche Materialien ich verwende. Einiges kann ich schon über längere Zeit vorbereiten. Die meisten Bildzutaten müssen aber frisch sein, weil sie im Lauf der Zeit verderben und ihre Farben verblassen.“ Die rotbackigen Äpfel, die den äußeren Rahmen bilden, werden sorgsam poliert, damit sie schön glänzen. Für den breiten inneren Rahmen sammelt und trocknet die Bildgestalterin Kaffeesatz. Die Konturen der Figuren und Gebäude bildet sie aus schwarzen Pfefferkörnern. Was golden glänzen soll, wird aus Maiskörnern geformt. Und das Grün ist bei näherer Betrachtung gehäckselte Petersilie. Farbige Linsen, gemahlene Hirse und Gries fanden ebenfalls Verwendung. Für das Gold des Reliquiars sammelte Hildegard Heiß Blütenstaub von Sonnenblumen.

Bevor sie mit den Früchteteppichen begann, gehörte Hildegard Heiß 25 Jahre lang zum Team der Frauen, die in der Berger Kirche immer zum Fronleichnamsfest einen prachtvollen Blütenteppich geschaffen haben. Doch weil der Nachwuchs fehlte, ist diese Tradition mittlerweile so gut wie eingeschlafen. Eine Ministrantengruppe führt sie in bescheidener Form weiter.

Jedes Körnchen muss aufgeklebt werden

Seither hat Hildegard Heiß mit der Gestaltung des Früchteteppichs in Weiler eine lohnende neue Aufgabe gefunden, tatkräftig unterstützt von ihrer Schwägerin. „Über diese Hilfe bin ich sehr froh; denn man braucht eine sehr ruhige Hand für diese Arbeit. Jedes Körnchen muss aufgeklebt werden, damit nichts verrutscht“, beschreibt Heiß die mühevolle Kleinarbeit. Bislang hat sich noch niemand gefunden, der diese Aufgabe später einmal übernehmen könnte.

Aber ans Aufhören denkt die Künstlerin noch nicht. Bereits jetzt kreisen ihre Gedanken darum, welches Motiv nächstes Jahr den Früchteteppich der Marienkapelle in Weiler schmücken könnte. Die zündende Idee ist ihr aber noch nicht gekommen.

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