Friedhöfe leiden unter Investitionsstau

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Der Kreuzberg samt Friedhof in Weingarten, Anziehungspunkt bei der Lichterprozession zum Blutfreitag. (Foto: RaBoe/Wikipedia)
Schwäbische Zeitung

Ein Thema, zwei Meinungen. Die Bürgerinitiative Scherzachweise, die unmittelbar an den Marienfriedhof angrenzend eine Bebauung verhindern will, behauptet: „Für die Friedhofskultur hat man in Weingarten schon lange nichts mehr übrig.“ Die Stadt sagt dagegen: „Weingartens Friedhöfe sind gut aufgestellt.“ Nun, die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte.

Richtig ist, dass die Stadt vergangenes Jahr ein Konzept „Friedhöfe und Bestattungswesen in Weingarten“ verabschiedet hat, das bis zum Jahr 2016 Bestand haben soll. Das Papier greift aktuelle Entwicklungen auf, „so werden auf allen kommunalen Friedhöfen verstärkt pflegeleichte und kostengünstige Bestattungs- und Beisetzungsmöglichkeiten nachgefragt“. Zusammen mit dem demografischen Wandel bedeutet dies laut Stadt abnehmende Belegungsflächen auf dem Marien- und auf dem Kreuzbergfriedhof.

In der Konsequenz hat die Stadt ihr Bestattungsangebot erweitert: Bisher beschränkte sich das Angebot auf die klassischen Reihen- und Wahlgräber für Sargbestattungen sowie Reihen-, Wahl- und Nischengräber für die Beisetzung von Urnen. Seit dieses Jahr gibt es nun auch Rasengräber für Sargbestattungen und Urnenbeisetzungen auf dem Marienfriedhof sowie Rasengräber für Urnenbeisetzungen auf dem Kreuzbergfriedhof.

Weitere Konsequenz aus der gesellschaftlichen Entwicklung: Die ursprünglich als Erweiterung für den Marienfriedhof gedachte 30 000 Quadratmeter große Scherzachwiese soll bebaut werden. Ein Fehler, sagt die Bürgerinitiative, denn: „Wie sich die Bestattungskultur mittel- und langfristig entwickelt, kann niemand vorhersagen.“

Von einer Entwicklung, da sind sich Stadt und Initiative einig, lässt sich aber sicher ausgehen: Experten rechnen mit einer deutlichen Zunahme an muslimischen Bestattungen in den kommenden Jahren. Die Stadt hat daher seit 2012 diese Möglichkeit geschaffen, ein Raum für rituelle Waschungen und Trauerfeier stellt die Moschee in Ravensburg. Das entsprechende Platzangebot auf dem Marienfriedhof kann laut Verwaltung auch einer starken Nachfrage langfristig Stand halten. Die Initiative mahnt dagegen angesichts der prognostizierten Zunahme: „Die zur Verfügung stehenden zwei kleinen Flächen auf dem Marienfriedhof werden dafür nicht ausreichen.“

Immerhin muss die Stadt indirekt einräumen, nach ersten Gesprächen mit der Moschee das Thema etwas schleifen gelassen zu haben. So gab es zwar schon Anfragen nach muslimischen Beerdigungen, umgesetzt wurde aber noch keine in Weingarten. Nach entsprechender SZ-Anfrage, kündigt die Stadt nun an: „Um das bestehende Angebot stärker zu kommunizieren und Detailfragen abzuklären, wird das städtische Friedhofsamt Vertreter der Moschee in Ravensburg und anderer muslimischer Einrichtungen zu einem Abstimmungstermin einladen.“

Nicht die einzige Baustelle in Sachen Friedhof: Sowohl auf dem Marien- wie auf dem Kreuzbergfriedhof sind die Aufbahrungsräume veraltet, die Kühlungen nur eingeschränkt funktionstüchtig. Pastoralreferent Artur Sontheimer sagt dazu: „Seit vielen Jahren weisen die Friedhofsbediensteten auf die unzureichende Kühlung des Leichenhauses bei sommerlichen Temperaturen hin. Im August 2012 hatte ich diesbezüglich ein sehr unangenehmes Erlebnis während einer Bestattung. Investiert wird weiterhin nicht.“

Das trifft zu: Die Stadt hat laut eigenen Angaben auf dem Marienfriedhof eine provisorische Kühlung hingestellt. Für die geplante Sanierung fehle derzeit aber das Geld.

5 Fakten zu Friedhöfen und Bestattungskultur

- Die Gesamtbruttofläche beider Weingartener Friedhöfe beträgt rund 52.500 Quadratmeter, Marienfriedhof mit 36.000 Quadratmetern, Kreuzbergfriedhof mit 16.500 Quadratmetern.

- Auf beiden Friedhöfen bestehen insgesamt rund 3650 Gräber mit circa 6300 Belegungen.

- Lag die Zahl der Weingartener U rnenbeisetzungen im Jahr 1995 bei circa 22 Prozent, so pendelt sich die Quote der Feuerbestattungen beziehungsweise der Urnenbeisetzungen in den vergangenen Jahren zwischen 50 und 52 Prozent ein.

- Die Gesamtausgaben für Personal, Unterhaltung, Betriebsaufwand, Verwaltungsgemeinkosten und kalkulatorischer Kosten für die Weingartener Friedhöfe lag im Jahr 2010 bei 366.737,82 Euro, Tendenz abnehmend (2008: 380.719,41 Euro, 2009: 398.580,16 Euro). Nach einer Gebührenerhöhung (siehe auch Kasten rechts) in 2009 liegt die Kostendeckungsquote der Weingartener Friedhöfe seither bei rund 90 Prozent.

- Keine Beerdigungsmöglichkeit gibt es in Weingarten für jüdische Mitbürger, sie werden an den jüdischen Friedhof in Bad Buchau verwiesen. Bisher hat Weingarten auch auf den zunehmenden Wunsch nach Baumbestattungen (Friedwald) nicht reagiert. (dg)

Sterben ist teuer

- Sterben ist teuer, Experten rechnen vor, dass man in Deutschland für ein einfache Beerdigung im Durchschnitt rund 7000 Euro zahlt. Die Gebühren machen dabei nur einen Teil aus, kommen doch Leistungen für Sarg, Steinmetz, Florist, Grabpflege, Traueranzeigen und mehr hinzu.

- Gebührenbeispiele in Weingarten: für die Überlassung eines Reihengrabes 624 Euro, für die Überlassung eines Urnenreihengrabes 391 Euro. Dazu kommen allerdings weitere Kosten wie allgemeine Verwaltungsgebühren (28 Euro), Bestattungsgebühren (523 Euro), Gebühren für den Bestattungsordner (75 Euro), Benutzung der Aussegnungshalle (86 Euro pro Tag), Benutzung der Aufbahrungsräume (30 Euro pro Tag) und mehr. (dg)

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