Frauen interessiert Picassos Blick auf Frauen

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 Die Journalistin und Kunsthistorikerin Marie-Theres Scheffczyk lockte viele Zuhörerinnen in die Linse.
Die Journalistin und Kunsthistorikerin Marie-Theres Scheffczyk lockte viele Zuhörerinnen in die Linse. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Marie-Theres Scheffczyk ist vielen Kunstinteressierten in der Region gut bekannt – als Journalistin und im Besonderen als Kunsthistorikerin. Seit mehr als 25 Jahren hält sie Vorträge über Klassiker der Moderne. Das Kulturzentrum Linse hat am Sonntag ein neues Format mit Scheffczyk gestartet. Es nennt sich „Eine Art Matinée“ und den Auftakt machte „Picasso und die Frauen“. Der Titel mag überholt klingen – Scheffczyks Vortrag war jedoch alles andere als das.

Zur ihrer eigenen Überraschung und Freude füllte sich der kleine Kinosaal recht schnell vor allem mit Besucherinnen. Pablo Picasso und seine Frauen sind und bleiben ein Magnet – in der Malerei wie in seinem Leben. Viele Jahre habe sie in Ravensburg Abendvorträge gehalten und sich dann auf die Suche gemacht nach einem Ort, an dem sie vormittags eine Veranstaltung anbieten könne, sagt Scheffczyk. So ist dieses neue Format „Eine Art Matinée“ entstanden.

Scheffczyk ist eine profunde Kennerin, die am Vormittag ohne Umschweife in das Thema einstieg. Mittels Diaprojektor warf sie nacheinander zwei Frauenbilder auf die Kinoleinwand. Eines, das naturalistisch gemalt ist – ein anderes, das dem Kubismus angehört. „Was glauben Sie, welches ist früher entstanden und welches später?“, wandte sie sich an ihr Publikum. Und man ahnt es schon, dass es eine geschickte Fangfrage ist, um mit Picassos großartiger Wandlungsfähigkeit einzusteigen.

Scheffczyk hat ihren rund einstündigen Vortrag in zwei Hälften gegliedert. Die erste widmete sich der künstlerischen Entwicklung Picassos anhand des Themas Frauen. Die zweite galt einzelnen Frauen, die in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielten. Somit hat Scheffczyk einen großen Bogen geschlagen, ohne allfälligen Klischeevorstellungen anheim zu fallen. Sie ist eine Dozentin, die stets eng am Bild bleibt und es versteht, Entwicklungslinien aufzuzeigen.

Umgekehrt nimmt sie auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um Picasso als Mann geht, der zeitlebens für Vollbusige viel übrig gehabt habe. Sie flicht immer wieder Interna ein, die streng Kunsthistorisches und Biographisches auflockern. So habe Picasso genau kapiert, was das Wesen dieser Frau sei – gemeint ist die amerikanische, in Paris lebende Sammlerin Gertrude Stein, an deren Porträt er fast gescheitert wäre. Bis er ihr ein maskenartiges Gesicht aufsetzte und die Dame sich niemals besser getroffen fühlte als durch ihn.

Scheffczyk ging das Thema chronologisch an, beginnend in der Jugendzeit des gebürtigen Spaniers. Zur Sprache kamen die Blaue und die Rosa Periode, Vorbilder wie Henri Matisse, Paul Cézanne oder Henri Toulouse-Lautrec. Zu einer Zeit, in der er sich bereits auf dem Montmartre in Paris aufhielt. Sie machte anhand seiner abgemagerten Frauen deutlich, worum es Picasso in Wirklichkeit dabei ging: Um die innere Befindlichkeit, um das Seelische und um die geistige Aussage, wie sie meint. Wenige Bildprojektionen reichten aus, sich von Picassos Vielgestaltigkeit in den Jahren um 1905 zu überzeugen. Der Bogen spannte sich vom Kubismus hinüber zu Neuem, zu „Les Demoiselles d´Avignon“ und zu der „Frau vor dem Spiegel“, die nun aus mehreren Phasen der Bewegung in nur einem Bild besteht. Eine grandiose Erfindung.

Der zweite Teil widmete sich der russischen Tänzerin Olga Chochlowa, der jungen unbescholtenen Marie-Thérèse Walter, der exaltierten Fotografin Dora Maar, der überaus klugen Françoise Gilot und der großen Altersliebe Jacqueline Roque. Ihnen in Form von Fotografien stellte Scheffczyk gemalte Porträts der unterschiedlichen Stilphasen Picassos gegenüber. Olga als abstrakte rhythmische Formkomposition, die Kindfrau Marie-Thérèse in betonten Rundungen, Dora Maar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des „Guernica“-Gemäldes, die Gilot mit den „tollen“ geschwungenen Augenbrauen und der „fantastischen“ Haarpracht als die Einzige, die den Mut aufbrachte, Picasso in die Wüste zu schicken.

Mittels dieser Gegenüberstellungen kamen wahre Fundstücke ans Tageslicht. Eben solche Bilder, die man neben den vielfach traktierten Ikonen selten sieht.

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