Fünfjährige Vandarose mit Bewegungsstörung soll nach Finnland abgeschoben werden

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 Möchten die Therapie weiterführen: Die Eltern Niki und Masoud Ahmadi mit ihren Kindern Vihanmehr und Vandarose.
Möchten die Therapie weiterführen: Die Eltern Niki und Masoud Ahmadi mit ihren Kindern Vihanmehr und Vandarose. (Foto: anrö)
Schwäbische Zeitung
Annette Rösler

Im Internet gibt es eine Petition gegen die Abschiebung der Familie: http://chng.it/jNvgrPTT

Der Schalk blitzt aus den großen dunklen Augen der fünfjährigen Vandarose. Lebhaft erzählt die Fünfjährige, wie sie im Weingartener Kindergarten Zirkus gespielt haben, zeigt stolz ihre Bastelarbeiten. Wie ein Damoklesschwert hängt die Abschiebung nach Finnland über dem Kopf der Familie Ahmadi. Denn erst in Deutschland gab es eine passende Therapie für das Mädchen. Vor einem Jahr konnte sie weder stehen noch gehen. Die Sorge: Fortschritte könnten wieder verloren gehen.

Vandarose wohnt seit April letzten Jahres mit ihren Eltern Niki und Masoud, einer Sprachlehrerin und einem selbstständigen Buchhalter sowie mit ihrem Zwillingsbruder Vihanmehr in der Tettnanger Flüchtlingsunterkunft in der Narzissenstraße. In Weingarten besucht sie das inklusive Kinderhaus Wirbelwind. In dem Jahr hat sie große Fortschritte gemacht.

Zwillinge kommen als Frühchen zur Welt

Sie und ihr Bruder kamen 2013 in der iranischen Hauptstadt Teheran als Frühchen zur Welt. Die ersten 32 Tage ihres Lebens verbrachten sie im Brutkasten. Bald hatte die Mutter das Gefühl, dass Vandarose sich nicht so entwickelte wie ihr Zwillingsbruder. Nach einer Untersuchung wurde „Infantile Zerebralparese“, eine kindliche Bewegungsstörung, diagnostiziert. Da die Therapiemethoden im Iran eher mit Zwang erfolgten, wie die Eltern berichten, zog sich Vandarose immer mehr in sich zurück. Kontakte mit anderen waren auf Basis dieser Erfahrungen von Angst und Misstrauen geprägt. Die beiden seien verzweifelt gewesen, ihr Kind so zu sehen. Sie stießen bei Recherchen auf die Anat-Baniel-Methode, die das Lernen unterstützen soll. Die Therapie aus den USA ist hier nicht anerkannt, hat bei Vandarose aber zu großen Erfolgen geführt.

Die Methode basiert auf dem Verständnis, dass zahlreiche Kinderkrankheiten die Gehirnentwicklung und die damit verbundene Kommunikation mit seiner Umwelt unterbrechen können. Durch sanfte Bewegungen, so die Idee, bekommt das Gehirn Impulse, sich die Fähigkeiten mit der Zeit selbst anzueignen. Durch Traumata und Krankheiten entstandene Entwicklungslücken sollen so wieder geschlossen werden können. Die Eltern fanden heraus, dass eine Therapeutin in Überlingen diese Behandlungsmethode anbietet. Mit einem Visum reiste die Familie 2017 vom Iran aus nach Deutschland. Vandarose erhielt eine dreimonatige Therapie in Überlingen, die guten Erfolg zeigte. Nach Ablauf des Visums kehrte die Familie in den Iran zurück. Da die Behörden im Iran die Familie auch für ein Jahr Unterricht nicht wieder ausreisen lassen wollten, musste die Therapie für ein Jahr unterbrochen werden, so die Eltern.

Vater wurde im Iran mehrmals inhaftiert

Wegen seiner Kontakte zu einer oppositionellen Gruppe, die liberale Ideen verfolgte, stand der Vater seit über zehn Jahren unter Beobachtung, berichtet er. Er sei mehrmals inhaftiert und auch gefoltert worden. Seine Eltern und die seiner Frau seien ebenfalls bedroht worden. Da die Lage immer riskanter geworden sei und er um sein Leben fürchtete, floh die kleine Familie Anfang 2018 nach Helsinki.

Masoud Ahmadi wollte sich dort mit einem Bekannten, für den er die Buchhaltung gemacht hatte, treffen. Der Termin wurde kurzfristig abgesagt. Bekannte empfahlen den Eltern daraufhin, Asyl zu beantragen, was sie während des eintägigen Aufenthalts in Finnland taten. Am nächsten Tag allerdings reiste die Familie weiter nach Deutschland, und Vandarose konnte ihre Therapie fortsetzen. Diese bezahlen Ahmadis selbst.

Da Familie Ahmadi in Finnland Asyl beantragt hat, greift die Dublin-Regelung und sie soll nach Finnland abgeschoben werden. Die Eltern sorgen sich: Die Therapie gebe es dort nicht. Und die Flüchtlingsheime lägen oft weit im Norden, wo es sehr einsam sei. Die beiden fürchten, dass ihre Tochter Vandarose dort alles Erlernte wieder vergessen wird.

Deutsche Kinderärzte und Therapeuten haben davor gewarnt, berichten sie. Ein Behandlungsabbruch könne eine gefährliche Depression auslösen und das Mädchen zu einem hilflosen, passiven und suizidgefährdeten Menschen machen. Deshalb hoffen Niki und Masoud Ahmadi zusammen mit ihren Kindern Vandarose und Vihanmer, dass es Möglichkeit gibt, hier zu bleiben.

Im Internet gibt es eine Petition gegen die Abschiebung der Familie: http://chng.it/jNvgrPTT

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