Eine Milliarde Serviceroboter benötigen 200 neue Kraftwerke

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 Sprachen über Digitalisierung und neue Technologien rund um die Energiewende   (von links): Professor Wolfgang Ertel (Hochschul
Sprachen über Digitalisierung und neue Technologien rund um die Energiewende (von links): Professor Wolfgang Ertel (Hochschule Ravensburg-Weingarten), Professor Werner Tillmetz (Universität Ulm), Sönke Voss (Bereichsleiter IHK IT, Innovation, Technologie) und Professor Tobias Eggendorfer (Hochschule Ravensburg-Weingarten). (Foto: Patrick Kunkel)
Schwäbische Zeitung

Bei Technologien rund um die Energiewende spielt die Digitalisierung mittlerweile eine große Rolle. Rund 80 Teilnehmer waren nach Weingarten gekommen, um sich bei einer Infoveranstaltung der Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) über neue Geschäftsmodelle und Effizienztechnologien für Unternehmen, sowie neue Herausforderungen wie Cyber-Kriminalität zu informieren. Die Firmen seien zwar schon recht weit, aber noch immer gebe es Vernetzungs- und Informationsbedarf, sagte Sönke Voss, Leiter des Geschäftsbereichs IT, Innovation und Technologie.

Was künstliche Intelligenz wirklich kann, führte Professor Wolfgang Ertl von der Hochschule Ravensburg-Weingarten vor. Er hatte einen kleinen Roboter mitgebracht, um das Lernen künstlicher Intelligenz durch Verstärkung zu demonstrieren. „Hierbei muss der Roboter durch Versuch und Irrtum herausfinden, welche Aktionen gut sind“, erklärte Ertl. Ein Roboter sei dann lernfähig, wenn er für eine bestimmte Aufgabe nicht mehr klassisch programmiert werden müsse, sondern sein Verhalten erlernen könne – auch, indem der Mensch ihm einzelne Arbeitsschritte vormache. Mit einem Film zeigte Ertl, wie ein Roboter auf diese Weise durch Demonstration das Einschenken von Getränken erlernte.

Gemeinsam mit dem KBZO habe die Hochschule einen Assistenzroboter für Menschen mit körperlichen Behinderungen entwickelt, berichtete Ertl – eine Entwicklung, die den Betroffenen ein eigenständiges Leben ermögliche. Bald schon aber würden auch Serviceroboter auf den Markt kommen, die einkaufen, Fenster putzen und vieles mehr. Dabei handle es sich zwar zweifellos um eine tolle Technologie, die Umwelt- und Energiebilanz müsse man jedoch im Auge behalten, gab der Robotik-Professor zu bedenken. So erfordere der Einsatz von einer Milliarde Serviceroboter weltweit bis zu 200 neue Kraftwerke zur Deckung des Energiebedarfs. „Wir sollten daher auch ab und zu darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen“, mahnte Ertl.

Über die steigende Gefahr von Cyber-Attacken, wenn immer mehr intelligente Messsysteme bei Energieversorgern und Unternehmen zum Einsatz kommen, sprach Professor Tobias Eggendorfer von der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Die Schäden durch infizierte Software, die nur gegen Bezahlung behoben würden, seien schon jetzt immens. Auch die Gefahr, dass Codes von Funkschlüsseln bei Autos, Garagentoren, Hoteltüren und anderswo abgefangen oder Messsysteme manipuliert werden, steige stetig. „Das sind erschreckende Szenarien“, so Eggendorfer. Eine Evolution zu Cyber Crime 5.0 finde allerdings nicht unbedingt statt, gab er zu bedenken. „Wir haben nur alte Fehler im neuen Kontext entdeckt.“ Bedenklich sei, dass die IT-Sicherheit in einigen Unternehmen immer noch einen zu geringen Stellenwert habe. „Wir fangen vielfach nicht dort an, wo die Sicherheitsprobleme liegen, sondern korrigieren an anderer Stelle.“ Auch Software-Entwickler verfügten häufig nicht über dringend erforderliche Qualifikationen und wüssten teilweise nicht, was Sicherheitsschutz ist. „Wir machen dieselben Fehler wie seit 40 Jahren“, bedauerte der Professor.

„Batterien und Brennstoffzellen sind Schlüsseltechnologien für eine stabile und sichere Stromversorgung und emissionsfreie Mobilität auf der Basis erneuerbarer Energien“, so Professor Werner Tillmetz, Mitglied der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Ulm. Die Batterien erlebten zurzeit zwar einen Aufschwung, die Anzahl der Anwendungen, die man mit der Brennstoffzelle sinnvoller erledigen könne, sei aber deutlich größer. Bei Stadtbussen, Reiselimousinen für längere Distanzen oder auch bei Eisenbahnen auf nicht elektrifizierten Strecken seien mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen-Antriebe geeigneter, so Tillmetz. Für große Fahrzeuge und große Reichweiten würden große Energiemengen benötigt. Geeignete Batterien wären da sehr groß, sehr schwer und letztlich auch zu teuer. Mit Brennstoffzellen und der Energiespeicherung im Wasserstoff könne dies kompakter und billiger realisiert werden.

Dass das Thema Wasserstoff „endlich auch in Deutschland in den Fokus rückt – nicht nur in der Forschung und auch nicht ausschließlich im Bereich E-Mobilität“, wünscht sich Alexander Henzler, Geschäftsbereichsleiter Energie, Kirchner Energiedienstleistungen aus Weingarten. „Schließlich ist Wasserstoff vielfach einsetzbar und kann immer wieder erzeugt werden.“ Zusammen mit weiteren regionalen Unternehmen stellte Kirchner begleitend zur Veranstaltung innovative Produkte und Messanalysen vor.

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