Eine grandios gelungene Menschenstudie

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Barbara Sohler

Vor 15 Jahren hat Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm „Die Blutritter“ mächtig die bigotten oberschwäbischen Gemüter erhitzt. Nun, ein paar Tage vor dem traditionsreichen Blutritt in Weingarten, hat Filmemacher Wolfsperger seinen viel beachteten Film am vergangenen Freitag noch einmal in der Linse gezeigt. Und vier seiner damaligen Darsteller setzten sich auch in die Kinosessel.

Es knistert ein bisschen, kleine Sprengsel huschen über die Leinwand im großen Saal. Dann meint man, den Projektor anspringen zu hören. Der in 35-mm-Technik gedrehte Filmstreifen zieht an. Douglas Wolfsperger, der renommierte Berliner Filmemacher, hat ein paar gänzlich unverfängliche Worte zur Begrüßung gesprochen. Sich gefreut, dass noch einmal etwa 60 Menschen gekommen sind, um den damals heiß diskutierten Dokumentarfilm zu sehen. Den gibt es mittlerweile längst auf DVD, mit blutrot eingefärbtem Cover, das einen ehrwürdigen Blutreiter und berittene Standartenträger zeigt. Den Kopf der größten Reiterprozession Europas, die alljährlich tausende fromme Reiter nach Weingarten lockt und zehntausende Pilger an den Wegrand.

„Ein Mikrokosmos zwischen finsterem Mittelalter und brandaktueller Gegenwart“ titelte zum Filmstart im Jahr 2004 die Süddeutsche Zeitung. Für den Tagesspiegel zeigte der Film „ein Stück Archaik mitten in der Moderne, mysteriös, verzopft, schrullig, banal, urkomisch“. Dass dabei ein Blick direkt hinein ins oberschwäbische Herz drang, das liegt an Filmemacher Wolfsperger. Der hat achtsam, zurückhaltend und – fast wäre man geneigt zu sagen: neutral – Menschen aus unserer Region befragt und sie zum Reden gebracht – nd durch interessante Schnitte und Anschlüsse den Blutrittern eben doch einen Twist gegeben.

Der indianerbessene Bestatter, der vor einem Berg voller Hirschgeweihe ganz ungeschönt erklärt, weshalb Frauen auf dem Blutritt nichts verloren haben: Weil sie mit den Jahren vorne und hinten auslandend und wenig ansehnlich werden. Der verwitwete, schrullige Bauer in der Reservistenjacke, dem seine Rappstute Ronja mehr wert ist das eigene Leben und der auf das Heilig-Blut-Öl aus dem kleinen Flachmann schwört. Der stolze Mann, der die absolute Anspruchslosigkeit seiner schwarzen Ehefrau lobt. Der fidele Bäcker, der sich in Unterhosen im Stall bei seinem Kaltblut filmen lässt. Der eloquente Abt aus dem Benediktinerkloster, der philosophierende Tierarzt. Dazwischen streut Wolfberger Sequenzen aus einem kleinen Schlachtbetrieb, in dem die Metzgerskinder knöchelhoch im Blut der ausblutenden Sau stehen. Gefolgt von andächtigen Menschen, die im Kerzenlicht am Kreuzberg beten.

Professionelle Distanz

Wolfsperger lässt alles unkommentiert, behält stets die professionelle Distanz und bestätigt nach der Jubiläumsvorführung, er habe nach wie vor freundschaftlichen Kontakt zu seinen Darstellern. Von denen übrigens Keiner gecastet oder vor den Aufnahmen gebrieft worden ist. Der Pferdefreund Georg Baumeister ist noch einmal gekommen, seine geliebte Stute Ronja sei schon vor Jahren gestorben, sagt er mit erstickter Stimme, als ein Zuschauer nach dem Verbleib des Pferdes fragt. Franziska Schüle, die hochbetagte Imkersgattin, ist gekommen, geistig rege aber am Stock und der damals leicht bekleidete Bäcker Stefan Müller. Der Bestatter sei im letzten Jahr verstorben, erklärt Wolfsperger. Und natürlich hat sich Jürgen Hohl, Brauchtumsforscher und Weingartens Original, eingefunden. Mutig hat Hohl in „Die Blutritter“ von seinem Coming-Out erzählt und sich neben einer Putte in Spitzenhöschen filmen lassen. Ebenso freimütig erzählt er nun den Kinogängern, der Film habe ihm Glück und seinen heutigen Lebenspartner gebracht.

Auch wenn es auf den ersten, schnellen Blick scheint, „Die Blutritter“ seien nur ein Film über das Brauchtum eines katholischen Spektakels in Oberschwaben, so ist der Film doch mehr: eine grandios gelungene Menschenstudie. Und darüber hinaus ein Film, der sich den essentiellen Fragen des Lebens widmet: Liebe, Glauben, Tod. Nach wie vor aktuell, immer noch beeindruckend.

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