Ein Moraltheologe im Dienst der Seelsorge

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Der Martinsberg und die Basilika waren sein Zuhause: Pater Anselm Günthör wurde 103 Jahre alt.
Der Martinsberg und die Basilika waren sein Zuhause: Pater Anselm Günthör wurde 103 Jahre alt. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Anton Wassermann

Kein anderer Mönch hat die bewegte Geschichte des Klosters Weingarten von seiner Wiederbesiedlung im Jahr 1922 bis zu seiner Auflösung 2010 so hautnah miterlebt wie Pater Anselm Günthör. Am vergangenen Sonntag ist der hoch angesehene Mönch im Wohnpark der Franziskanerinnen von Reute in Altshausen wenige Wochen vor seinem 104. Geburtstag gestorben.

Mit ihm verliert Weingarten nicht nur einen wichtigen Zeitzeugen der jüngeren Stadtgeschichte, sondern auch einen Seelsorger, der vielen Menschen mit seinen Predigten, Vorträgen und zahlreichen theologischen Büchern religiösen Halt und Orientierung gegeben hat. Bereits 1922 trat Günthör in die Weingartener Klosterschule ein. Nach dem Abitur schloss er sich dort dem Benediktinerorden als Novize an. Bischof Sproll weihte ihn nach dem in Rom absolvierten Studium 1935 zum Priester.

Pater Anselm war einer von drei Mönchen, die nach der von den Nazis verfügten Auflösung des Klosters auf dem Martinsberg verbleiben konnten. Von 1943 bis 1952 war er Pfarrer der Martinsgemeinde. Als Seelsorger in den Notjahren der Kriegs- und Nachkriegszeit war nicht nur sein religiöser Beistand gefordert, sondern auch vielfältige sonstige Unterstützung. Pater Anselm eilte nach der Bombardierung der Argonnenkaserne mit einem Mitbruder an den Ort der Zerstörung. Die fürchterlichen Bilder von Menschen, die in den zerbombten Gebäuden hilflos verbrannten, von Toten und Schwerverletzten, die er nicht mehr retten konnte, verfolgten ihn bis ans Lebensende.

Professor in Rom

1952 folgte Pater Anselm einem Ruf an das Benediktinerkolleg San Anselmo in Rom, wo er bis 1971 als Professor für Moraltheologie lehrte. Danach ging er zunächst nach Oberbayern. Erst 1983 kehrte Günthör in sein Heimatkloster auf dem Martinsberg zurück. Trotz seiner mehr als 30-jährigen Abwesenheit erinnerten sich noch viele Weingartener an den beliebten Seelsorger, der nun als Prediger und Vortragsredner sehr gefragt war.

Kaum ein Jahr verging, in dem sich Pater Anselm nicht in Buchveröffentlichungen aktuellen religiösen Themen widmete. Er verstand es, komplexe moraltheologische Themen in einer leicht verständlichen Sprache zu vermitteln. Mehr als 20 Publikationen kamen zustande. Sie sind Zeugnis eines wachen Geistes, der bis ins hohe Alter seine Stimme erhoben hat gegen einen immer säkularer werdenden Zeitgeist.

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