Ein meisterliches Vermächtnis

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Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

J. S. Bachs über zweistündige Messe h-moll mit der Gaechinger Cantorey im Kultur- und Kongresszentrum in Weingarten: die Frage nach der Atmosphäre und Akustik dieses Saals für ein Werk der Sakralmusik erhob sich schon lange vor dem Konzert. Aber aus Neugier allein wurde das Haus sicher nicht bis fast auf den letzten Platz gefüllt. Und der Riesenbeifall am Ende galt einer sehr beeindruckenden Aufführung des Bachschen Spätwerks von 1748/49, das aus frühen und letzten Kompositionen von Bach zusammengesetzt wurde.

Im Dezember 2015 hatte der Dirigent Hans-Christoph Rademann bereits mit dem Dresdner Kammerchor und Barockorchester im KuKo brilliert. Nun dirigierte Rademann – seit Mitte 2013 nach Helmut Rillings Ausscheiden Akademieleiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, deren Chor und Barockorchester er gründlich reformiert hat – seine „Gaechinger Cantorey“ mit 24 Orchesterstimmen, darunter der nachgebauten Silbermann-Truhenorgel, zwölf Sängerinnen und neun Sängern. Die fünf Solisten lässt er aus dem weit aufgestellten Halbrund des Chores nur selten hervortreten, was im ersten Teil, der „Missa“ mit Kyrie und Gloria, dazu führte, dass manche Klangfarben etwas untergingen. Bei den Stimmen fiel das auf; auch wirkten die Streicher im Vergleich zu den Bläsern manchmal etwas blass. Der Bühnenraum in Weingarten ist eben nun mal keine Chorapsis und saugt Töne eher auf, als dass er sie herausheben würde. Dennoch ließen der präzise Altus von Benno Schachtner, der voluminöse Tenor von Benedikt Kristjánsson und der Bass von Tobias Berndt neben dem sicheren Ersten Sopran – für die erkrankte Isabel Jantschek war Miriam Feuersinger eingesprungen – und dem lebhaften Mezzosopran von Lore Agustí zusammen mit verschiedenen Instrumentalsoli von Geige, Oboe, Flöte, Cello und Naturhorn, immer wieder gespannt aufhorchen.

Wie eine verdichtete Zeitlupe

Nach der Pause wurde der zweite Teil „Symbolum Nicenum“, für den Bach das älteste Glaubensbekenntnis des 1. Konzils von Nicäa aus dem Jahr 325 wählte, zu einem in jeder Hinsicht unglaublichen Höhepunkt. Ganz leise begann das von Bach kurz vor seinem Tod neu komponierte „Et incarnatus est“ über den in Christus Mensch gewordenen Gott, seine Passion und Auferstehung. Wie in einer verdichteten Zeitlupe, in der ein absolut kongeniales Zusammenwirken von Stimmen und Instrumenten der hier wundersamen Chromatik mal sich steigernd, mal verebbend folgte, führte das abschließende „et sepultus est“ in eine Urtiefe von Basstönen, die nur noch in einem leise verschwindenden Grollen hörbar war. Und dann: ein fast grelles, jubelndes Fanal von Chor und markanter Bassstimme zur Auferstehung und im letzten Abschnitt des Credo eine eigenwillige musikalische Deutung der Hoffnung auf „das Leben der kommenden Welt“. Spätestens da – und noch vor dem älteren „Sanctus“, dem vom Tenor exzellent ausgearbeiteten „Benedictus“ und dem langsam ausklingenden „Dona nobis pacem“ – mochte allen Zuhörern in dem gänzlich unsakralen Raum der religiöse Gehalt der Musik des tiefreligiösen Bach überdeutlich geworden sein. So überglänzte dann doch die Qualität der Aufführung den Ort.

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