Ein Film, der in die Seele fährt

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„Wiedersehen in Brundibar“ ist noch bis Mittwoch in der Weingartener Linse zu sehen.
„Wiedersehen in Brundibar“ ist noch bis Mittwoch in der Weingartener Linse zu sehen. (Foto: Jocahim Gern/privat)
Schwäbische Zeitung
Barbara Sohler

Annika und Ikra gehören zur Theatergruppe „die Zwiefachen“ ebenso wie David und noch eine Handvoll Teenager. „Die Zwiefachen“ haben sich unter der Regie einer mutigen Theaterpädagogin an der Berliner Schaubühne an ein starkes Stück gewagt: nämlich an die Kinderoper Brundiar, die jahrelang im Ghetto in Theresienstadt aufgeführt wurde. Filmemacher Douglas Wolfsperger hat dieses Experiment begleitet und herausgekommen ist eine sehr berührende Dokumentation, die derzeit in der Linse in Weingarten gezeigt wird.

Vermutlich ist es einer ganzen Reihe von glücklichen Fügungen zu verdanken, dass dieser 90-minütige Film derart in die Seele fährt. Den Juroren beim 36. Biberacher Filmfest muss es genau so ergangen sein, denn „Wiedersehen mit Brundibar“ hat erst im vergangenen Monat dort den Preis für die beste Dokumentation abgeräumt. Zum einen mag die Tiefe des Filmes daher rühren, dass Wolfsperger sich des Themas angenommen hat. Denn der 57-Jährige ist bekannt für sein angstfreies Herausarbeiten schwieriger Stoffe und das schiere, wertneutrale Zeigen seltsamer Charaktere. Zum anderen sind die Protagonisten im allerbesten Sinne authentisch.

Im Mittelpunkt: Theresienstadt

Annika ist gerade 18 Jahre alt, Schulabbrecherin mit Panikattacken. Die gleichaltrige Ikra leidet am Tourette-Syndrom und unter den lieblosen Bedingungen im Elternhaus. David, 23, war schon einmal wohnungslos und in der rechten Szene aktiv. Diese Jugendlichen -symptomatisch für eine ganze Generation von jungen Menschen- haben zwar irgendwann einmal in der Schule gehört, wie das gewesen sein muss, das dritte Reich, der Holocaust, die Konzentrationslager. Aber „Betroffenheitsausflüge nach Sachsenhausen“ wie David sagt oder Filme mit Leichenbergen, wie sie sich Annika ins Gedächtnis gebrannt haben – das macht wenig bis den falschen Eindruck bei jungen Menschen.

Der eigentliche Plot des Filmes steckt im gemeinsamen Ausflug der Theatergruppe mit Greta Klingsberg nach Theresienstadt in Tschechien. Greta wurde als dreizehnjähriges jüdisches Kind erst ins Waisenhaus gegeben und dann ins Ghetto nach Theresienstadt deportiert. Dort sang sie in Brundibar um ihr Leben. Ganze 51 Mal. Bis sie im Oktober 1944 nach Auschwitz geschickt wurde. Selbst heute noch ist in den großen, klugen Augen der 85-jährigen Zeitzeugin zu lesen, was sie als Kind empfand. „Wir haben uns auf die Hoffnung konzentriert“, sagt Greta unaufgeregt. Und auch: „Brundibar war eine Rettung, dass wir das Drumherum für ein paar Stunden vergessen konnten“. Greta, die eigentlich vergessen wollte, lässt nun Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen, wird zu einer freundliche-zugwandten Herzensfreundin und begleitet die Jugendlichen bis hin zu ihrer Theaterpremiere.

Mit 30 000 Euro in den Miesen

Für das Weingartener Publikum „ein stimmiger, unverkrampfter Film“. „Ein grandioser Film“, sagt einer. Auf jeden Fall ein Film, der Mut macht und beweist, dass unsere junge Generation durchaus zu begeistern ist für schwierige, sperrige Themen. Für Wolfsperger war’s „ein harter Ritt“ wie er freimütig bekennt, im Gespräch mit den Kinobesuchern. Vor allem das Beschaffen von Fördermitteln sei gar nicht gut gelaufen. Ausgerechnet für einen Film dieser Tragweite, denkt wohl so mancher. „Ich steh mit 30000 Euro in den Miesen“, so Wolfensperger.

Der Film „Wiedersehen mit Brundibar“ läuft noch bis Mittwoch in der Linse in Weingarten, täglich um 18 Uhr.

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