Ein Denkmal der Barmherzigkeit

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St.-Martinus-Brunnen in Weingarten.
St.-Martinus-Brunnen in Weingarten. (Foto: Stadtarchiv Weingarten)

Überlebensgroß sitzt St. Martin auf einem Pferd am Aufgang zur Basilika und reicht einem Bettler die Hälfte seines Mantels. Die dargestellte Szene, ein Akt der Barmherzigkeit, kennt jedes Kind. Warum das Denkmal am Fuße der Basilika steht und wer es warum in Auftrag gegeben hatte, ist nur noch Kennern der Stadtgeschichte oder den älteren Semestern bekannt.

Zu Recht wurde die Redaktion darauf hingewiesen, das in dem Artikel über Bürgermeister Wilhelm Braun anlässlich seines 130. Geburtstags in der Ausgabe der „Schwäbischen Zeitung“ von Dienstag, 5. Dezember, ein wichtiges Detail fehlte. Denn er war es, der der Stadt das Denkmal der Barmherzigkeit stiftete.

Flucht nach München

Nach seiner Amtsenthebung durch die Nazis am 27. September 1937, die ohne Begründung erfolgte, flüchtete Braun nach München. Er befürchtete, in so genannte Schutzhaft zu kommen, eine perfide und zynische Beschreibung der Nazis, das deutsche Volk vor Regimegegnern und missliebigen Personen zu „schützen“. Für die Anordnung der Schutzhaft brauchte es lediglich eine polizeiliche Anordnung ohne eine richterliche Kontrolle. Die Verhafteten brachte die SS oder die SA in die von der NSDAP kontrollierten Konzentrationslager.

Brauns Familie war in der Folgezeit einigen Repressalien ausgesetzt. Seiner kranken Frau, die neun Kinder zu versorgen hatte, wurde die Kinderbeihilfe verweigert. Sein ältester Sohn wurde als „politisch unzuverlässig“ eingestuft. Er durfte deshalb nicht studieren.

Später war Braun beim Wehrkreiskommando tätig, zuletzt war er Leiter der Wehrmachtshauptkasse in Ravensburg. 1944 wurde er für zweieinhalb Wochen inhaftiert, danach sollte er zum Schanzen - dem Bauen von Panzergräben - nach Westen. Es gelang ihm, dem zu entkommen. Die letzten Kriegswochen verbrachte er in den Händen der SS, die ihn sicherlich ermordet hätten, wäre er nicht am 29. April 1945 aus dem Gefängnis in Wangen befreit worden.

„Nur“ ein Bombenangriff

In dieser äußerst schwierigen Zeit, in der er in Lebensgefahr schwebte, muss Braun wohl ein Gelübde abgelegt haben. Falls er die Haft überleben sollte und Weingarten vom Krieg unversehrt blieb, würde er aus Dankbarkeit ein Denkmal errichten lassen. Braun überlebte und Weingarten erlebte „nur“ einen Bombenangriff. Am 17. April 1945 warfen 40 alliierte Flugzeuge 240 Sprengbomben auf die Argonnenkaserne, weil sie dort Soldaten vermuteten, die jedoch schon verlegt worden waren. Neben der Kaserne trafen die Bomben auch ein Lazarett, das mit einem Roten Kreuz deutlich markiert war und das sich auf dem Gelände befand. 46 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen Krankenschwestern, Patienten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, zwei Frauen blieben vermisst.

Wilhelm Braun löste sein Gelübde ein. Am 29. August 1954, nur wenige Monate, bevor er aus dem Amt des Bürgermeisters ausschied, wurde das St.-Martinus-Denkmal samt Brunnen eingeweiht. Braun hatte es nach dem Krieg bei Maria-Elisabeth Stapps in Auftrag gegeben, die auch die Idee zum Motiv hatte. Als Inschrift wählte sie den Bibelspruch: „Barmherzigkeit des Herrn ist es, dass wir nicht vernichtet sind.“

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