Ein aufrechter Schwabe sorgt für Ordnung im Chaos

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Meuterei in Linsenbach gegen die Großkopfeten, ganz vorne Hermann Zettler (Martin Theuer).
Meuterei in Linsenbach gegen die Großkopfeten, ganz vorne Hermann Zettler (Martin Theuer). (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Erst am Aufführungsabend haben der verärgerte Veranstalter und die enttäuschten Besucher im gut besetzten Saal des Kulturzentrums Weingarten erfahren, dass der angekündigte, im Ländle bekannte und beliebte Wieland Backes beim Gastspiel der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) mit der schwäbischen Komödie „Der Sheriff von Linsenbach“ nicht mit von der Partie war. Hauptdarsteller Martin Theuer sagte vor dem Vorhang, das Theater sei selbst überrascht, dass wohl etwas mit der Kommunikation schiefgelaufen sei. Auch der vorgesehene Einspringer sei krank geworden und hätte ersetzt werden müssen – jeder von ihnen sei ein guter Spieler, und zusammen wollten sie den Zuschauern viel Spaß bereiten.

Theuer hatte Recht. In einer packenden, mitreißenden Aufführung spielte das Ensemble die Geschichte vom Urschwaben Zettler, der sein Amt als Parkwächter als „politische Mission von biblischem Ausmaß“ auffasst und mit seiner Pedanterie fast in die Katastrophe rennt. Intendant Friedrich Schirmer hatte dem 2011 verstorbenen Autor versprochen, die 1984 als Fernsehspiel im ZDF gesendete Komödie auf die Bühne zu bringen, 2015 hat die WLB die Bühnenfassung unter der vergnüglichen Regie von Christina Gnann uraufgeführt.

Ein ganzes Dorf hat das WLB auf die Drehscheibe gestellt, die je nach Szene von Spielern bewegt wird. Zettlers Haus, die Villa des Widersachers Meerfeldt, das Büro des Bürgermeisters, Pförtnerloge, Parkdeck, Kneipe, Frisörladen und Herrenkonfektionsgeschäft ziehen vorüber, kleine Styropor-Autos werden verschoben und weggetragen (Bühne: Judith Philipp). Alles ist im Fluss, das Verhängnis kann seinen Lauf nehmen. Ein Wermutstropfen: Trotz der Mikroanlage haben manche Zuschauer Probleme, die oft in breitem Schwäbisch gesprochenen Passagen der Protagonisten zu verstehen. Deftige Worte, die man doch genau verstehen möchte. Doch das flotte Spiel, die treffend besetzten Rollen lassen das bald vergessen. Die Story ist aus dem Leben gegriffen: Auf dem ständig überfüllten Rathausparkplatz geht es chaotisch zu. Der Bürgermeister reaktiviert den Ruheständler Zettler, den seine Funktion als „Ordnungsbeauftragter“ mit passender Jacke und Mütze zu Höchstleistungen beflügelt. Als er auch dem falsch geparkten Wagen des Regierungsdirektors einen Strafzettel anhängen will, eskaliert die Situation. Eine spontane Demo für Zettler wendet sich gegen die „Großkopfeten“. Zum guten Ende findet der Held zu sich selbst zurück und genießt seinen Sieg über den Nachbarn, der ihn vertreiben wollte. Stark ist die Szene, wie Zettler sich vor ihm aufbaut, ihn nur stumm anschaut, wohl wissend, dass der ihn angeschwärzt hat.

Treffend sind die liebevoll karikierten Figuren gezeichnet: der missionarisch waltende Zettler (Martin Theuer), seine treu ergebene Frau Elfriede (Gesine Hannemann), die schließlich die Reißleine zieht, seine entsetzte Tochter Inge (Elif Veyisoglu), der schmierige Anwalt (Christian A. Koch), der Zettler vertreiben will, und seine kapriziöse Frau (Kristin Göpfert). Lebensecht der Bürgermeister (Antonio Lallo), der wohl nie den Aufstieg nach auswärts schaffen würde, aber recht gut im Intrigenspiel funktioniert, ebenso wie sein baumlanger Amtmann (Tobias Strobel), der es nebenan mit der Bedienung treibt. In Backes‘ Miniaturen amüsiert überzeugend Markus Michalik. Ein prächtiges Stück, eine prächtige Ensembleleistung.

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