Digitale Integration mit der „Welcome App“

Lesedauer: 8 Min
Stefan Nest, Leiter der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge (BEA) auf dem Martinsberg, testet die App.
Stefan Nest, Leiter der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge (BEA) auf dem Martinsberg, testet die App. (Foto: Linsenmaier)

„Mit validierten Informationen und Kontakten soll sie dazu beitragen, Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten eine bessere Integration in Deutschland zu ermöglichen“, heißt es auf einem Flyer der sogenanntem „Welcome-App“. Seit vergangenen Sommer gibt es die App, die den Flüchtlingen den Start in Deutschland erleichtern soll. Anfangs nur eine lokale Plattform für Dresden, wird die App mittlerweile bundesweit verwendet. Einer der sich damit zwangsläufig auskennt, ist Stefan Nest, Leiter der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge (BEA) auf dem Martinsberg. Fast täglich kommen bei ihm neue Asylbewerber an. Er hat sich die App für die „Schwäbische Zeitung“ genauer angeschaut.

Ob Infos zu verschiedenen Beratungsstellen, die Erklärung des Asylantragsverfahrens in den einzelnen Stadien oder Ausführungen zur Gesetzeslage in Deutschland. Die wichtigsten Fragen für Neuankömmlinge werden in der „Welcome-App“ auf einen Blick beantwortet. Einfach, übersichtlich und gut strukturiert kommt die kostenlose Anwendung daher, die für Android, Ios und Windows heruntergeladen werden kann. Von komplizierten Behördengängen bis hin zu vielfältigen Infos im Alltagsleben, seien es Öffentlicher Nahverkehr, Bildung oder soziale Interaktion: Die App bietet einen ersten Eindruck zum besseren Verständnis der deutschen Lebensart und kann in vier verschiedenen Sprachen dargestellt werden: Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch.

„Im ersten Überblick ist das toll und auf jeden Fall sinnvoll, aber eben nur zum Einstieg“, findet Stefan Nest, der die App selbst schon lange auf seinem Smartphone hat, die ihm bei seiner Arbeit aber kaum weiterhilft. Schließlich geht es bei ihm vielmehr um die hausinterne Verwaltung. Und auch seine Bewohner nutzen die „Welcome-App“ kaum, obwohl Nest und sein Team extra mit einem Plakat und QR-Code auf die Application hingewiesen hatten. Der Leiter der BEA glaubt, dass die Asylbewerber bei ihrer Ankunft in den Erstaufnahmestellen schon über die wichtigsten Fragen im Asylrecht und dem täglichen Leben aufgeklärt werden.

Daher vermisst Nest mehr regionale Informationen. Zwar gibt es mittlerweile eine gewisse Anzahl an größeren Städten, die in der App beschrieben werden, die regionalen Infos fehlen derweil. „Da sind ja nur ausgewählte Städte drin. Über Weingarten erfährt man leider nichts. Das was spannend wäre, findet nicht statt“, bemängelt Nest. In Baden-Württemberg tauchen nur Karlsruhe und Stuttgart mit einer kurzen Beschreibung auf. „Selbst wenn die Asylbewerber dadurch merken, dass Stuttgart eine tolle Stadt ist – wegen der anfänglichen Residenzpflicht können sie da ja gar nicht hin.“

Darüber hinaus würde sich der Leiter der BEA mehr Piktogramme und weniger Text wünschen. Das hätten jedenfalls seine Erfahrungen im eigenen Haus gezeigt. „Ein Piktogramm funktioniert besser als fünf Sätze“, weiß Nest, der sich auch mehr Verlinkungen zu wichtigen Behörden und Ansprechpartnern wünschen würde. Und dennoch sieht er die App sehr positiv. Schließlich sei das Smartphone für die Asylbewerber „das A und O. Jede Familie besitzt eines.“ So könne der Kontakt in die Heimat gehalten, der Informationsbedarf gedeckt werden.

Multifunktionsgerät Smartphone

Daher hilft das Team in der BEA auch beim Kauf oder dem Aktivieren von deutschen Sim-Karten. Denn auch für die Kinder sind Smartphones sehr interessant. „Wenn der Kindergarten zu ist, wird das Smartphone zum Unterhaltungsmedium Nummer eins“, sagt Nest. Musik, Filme, Spiele – ein Smartphone ist das ultimative Spielzeug.

Doch dafür braucht es natürlich Strom. Und den gibt es für die Asylbewerber in der BEA nur an zwei Stellen: im Kindergarten und am Info-Point. Damit liegen immer zahlreiche Smartphones zum Laden an den Mehrfachsteckern. Manchmal werden gar die zusätzlichen externen Akkus, sogenannte Powerbanks, dort angeschlossen. In den Zimmern gibt es nämlich keine funktionierenden Steckdosen. Aus brandschutztechnischen Aspekten wurden die gesperrt.

„Da wird dann auch manchmal versucht, die gesicherten Steckdosen in Betrieb zu nehmen. Dann muss der Elektriker eben mal wieder anrücken“, sagt Nest lachend.

Kein WLAN in der BEA

Und auch auf ein funktionierendes WLAN müssen die Asylbewerber trotz schlechter Netzabdeckung in den Räumen des ehemaligen Klosters verzichten. Schon seit geraumer Zeit hat Nest den Antrag beim Regierungspräsidium Tübingen gestellt. Passiert ist seitdem nichts. „Für manch einen, der aus Meßstetten kommt und das gute WLAN dort gewohnt war, ist das erst einmal ein Schock. Aber wir warten einfach mal ab“, sagt Nest gelassen.

Alternative vom Bund

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bietet eine App für Asylbewerber an. Bei der Anwendung „Ankommen“, die es für Android und Ios kostenlos zum Herunterladen gibt, liegt der Fokus jedoch stärker auf dem Erlernen der Sprache. So gibt es einen Grundsprachkurs in Deutsch mit Übungen zum Hören, Schreiben und Lesen. Außerdem werden die einzelnen Schritte im Asylverfahren sehr detailliert aufgezeigt, Infos über das Wesen einer Erstaufnahmestelle, wie auch mögliche Wege in Ausbildungs- und Arbeitsstellen beziehungsweise Infos über Berufsfelder gegeben. Und auch praktische Tipps bis hin zu Einblicken in Werte und Regeln für das Zusammenleben in Deutschland sind hinterlegt. Zudem geben Einwanderer aus verschiedenen Nationen ihre Erfahrungen weiter. „Die ist ja deutlich besser“, freut sich auch Stefan Nest, der die App noch nicht kannte, sie nun aber auch seinen Bewohnern empfehlen will. „Das sagt mir viel mehr zu.“ Gerade seine Kritikpunkte an der „Welcome-App“ seien bei „Ankommen“ besser umgesetzt. Mehr Bilder, etwas detaillierter und mehr Verlinkungen kommen hier zum Tragen. Regionale Informationen fehlen aber auch hier.

Mit einem Wisch alle Informationen zur Ankunft in Deutschland erfahren
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen