Die Winde sind weiblich in Finnland

Lesedauer: 4 Min

 Magische Melancholie verbreitet die finnische Frauenband Tuuletar.
Magische Melancholie verbreitet die finnische Frauenband Tuuletar. (Foto: Tim Jonathan Kleinecke)
Schwäbische Zeitung
Wolfram Frommlet

Finnland ist eine junge Republik. Nach der Februarrevolution 1917 löste es sich aus der russischen Herrschaft, mit viel Gewalt. Die Geschichten aber, die die vier Sängerinnen der Band Tuuletar in der Linse in Weingarten aus dem hohen Norden erzählen, sind uralt.

Sagen und Legenden vor der christlichen Missionierung, über schauerliche Wesen unter den Gewässern, musikalische Beschwörungen und Verehrungen der vier Elemente Wasser, Feuer, Erde, Luft. Stark pentatonisch geprägt, klingen sie schlicht und linear, sind aber mitreissend durch die fast obertonigen weiblichen Frauenstimmen, schrill, laut, mit kurzen emotionalen Ausbrüchen, und scharfen Staccati. Mit raffinierten Stimmtechniken und minutiöser Präzision, mit feinsten Varianten vom Oberton-schrei zum gurgelnden, zischenden, brodelnden Geräusch der Naturgewalten, der Winde und der Wasser, lassen die vier Sängerinnen Räume und Stimmungen entstehen, die wechseln von der Natur zu den Menschen, von Mythen in die Gegenwart. Eine alte Legende, ein Volkslied, vor der Hochzeit einer Frau im Dorf. „Schrei, schrei so viel du kannst, denn nach der Hochzeit wirst du keine Zeit mehr für Tränen haben.“ Das einzige Mal ein Instrument – die Kantele, eine Art finnische Zither, die Stimme der Braut daneben, zwei Stimmen im Hintergrund der Chorus der Frauen im Dorf.

Magische Melancholie

Die Vier haben eine sensationelle Körperlichkeit. Wie Skizzen abstrakter Malerei, die Arme in den Himmel gereckt, eine Hand vor dem Gesicht, ein Schluck Wasser im Rachen, die Augen geschlossen, ein Moment absoluter Stille, und man spürt die Winde, die weiblich sind, denn Tuuletar, der Name der Band, bedeutet „Göttin des Windes“, man spürt in den feinen Varianten von Körperlichkeit unda cappella, die in jeder Eigenkomposition miteinander harmonieren, die Verehrung, die Sensibilität, mit der sich diese vier Musikerinnen der finnischen Folklore, und der viel älteren Musik der indigenen Ethnien des weiten Landes annähern. Doch die hörbare musikalische Neugier der vier Profis, die in Aarhus studierten, ihre mitreissende Dynamik, verhindert erfreulicherweise, dass es zum barfüßigen Wallediweia durch Finnland wird, mit veganen Mooskuchen und Rentiere und Pappeln streichelnd. Die gegenwärtige Deutschland-Tour zum Finnland-Jubiläum ist so wenig Folklore-Werbung wie ihre vielen Auftritte in Schulen zuhaSie transferie-ren die Traditionen mit jazziger Leichtigkeit, mit artistischem beatboxing ins Heute, und mit Stilmitteln von „minimal art“ in eine musikalische Zeitlosigkeit, in eine tief berührende Spiritualität, die einen die Verletzlichkeit dieser nordischen Natur. Spüren lässt. Die Komplexität dieser Kompositio-nen, die stimmliche Perfektion, dieser wundervolle Abend jedoch bräuchte, zumindest für den gewiss subjektiven Geschmack des Rezensenten, keine platten Mitmachgags mit dem Publikum, so beliebt sie auch sein mögen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen