„Die Welt erstickt in der Überproduktion von Textilien“

 Eine Arbeiterin legt Stoffe nach einem Färbevorgang in einer Fabrik in Araihazar, etwa 50 km von Dhaka entfernt, zum Trocknen a
Eine Arbeiterin legt Stoffe nach einem Färbevorgang in einer Fabrik in Araihazar, etwa 50 km von Dhaka entfernt, zum Trocknen auf eine Rasenfläche. (Foto: Suvra Kanti Das/dpa)
Schwäbische Zeitung

- Der übermäßige Textilkonsum der Menschen hat soziale und ökologische Auswirkungen weltweit, teilt die Pädagogische Hochschule Weingarten (PH) mit. Wie genau, damit befasste sich eine Online-Tagung, die von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der PH im Januar organisiert wurde. Unter dem Thema „Hautnah – Kleidung, unsere zweite Haut“ diskutierten mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland über die Bedeutung der Kleidung, ihre Produktionsbedingungen und deren Folgen für Mensch und Umwelt sowie die Frage, wie das Konsumverhalten verändert werden kann.

Textilien werfen menschenrechtliche Fragen auf

Kleidung ist ein Kulturprodukt und für viele ein wichtiger Ausdruck von Persönlichkeit, von Wohlfühlen. Gleichzeitig gehört die Textilindustrie nach der Erdölindustrie zu den größten Umweltverschmutzern und spätestens seit dem Einsturz einer Textilfabrik 2013 in Bangladesch mit mehr als 1100 Toten und fast 2500 Verletzten wurde deutlich, dass Textilien auch menschenrechtliche Fragen aufwerfen. In den Trümmern der Textilfabrik fanden sich auch bekannte Marken für namhafte deutsche Kaufhausketten. „In unserer Kleidung bündeln sich die großen Herausforderungen unserer Zeit: sozial, global gerecht, gesund und ökologisch nachhaltig zu sein“, sagte Tagungsleiterin Heike Wagner von der Akademie der Diözese.

„Textilien sind ,Lebensbegleiter’, die oft nicht in ihrer komplexen Bedeutung wahrgenommen, sondern als alltägliches Wegwerfobjekt gering geschätzt werden“, stellte Professorin Marieluise Kliegel aus dem Fach Alltagskultur und Gesundheit an der PH Weingarten fest. „Im privaten Kleiderschrank haben wir die ganze Welt“, sagte sie. In dieser Metapher würden die globalen Verflechtungen zwischen Produktion und Konsum offensichtlich, weshalb ein verantwortungsvoller und nachhaltiger Umgang mit Textilien unbedingt als Alltagshandeln erlernt werden müsse.

Jährlich 1,3 Millionen Tonnen gebrauchte Textilien

Die weltweite Kleidungsproduktion hat sich von 2000 bis 2014 verdoppelt, die Tragezeit eines Kleidungsstücks dagegen hat sich von 2002 bis 2017 halbiert. Anton Vaas, Geschäftsführender Vorstand des Vereins Aktion Hoffnung, stellte in seinem Beitrag vor, wie praktisches Handeln am Ende der textilen Kette funktionieren kann und vor welchen Herausforderungen der Altkleiderhandel steht: Ein Markt, in dem in Deutschland jährlich 1,3 Millionen Tonnen gebrauchte Textilien anfallen und der so gesättigt ist, dass er in wenigen Jahren zusammenbrechen könnte.

Zur Wegwerf-Mentalität tragen auch schwindende Kenntnisse über Kleidung, ihre Herstellung und ihre Erhaltung bei, die die ehemalige PH-Professorin Eva Schmidt beobachtet. Ein wichtiges Anliegen sei ihr die Gebrauchswerterhaltung der Kleidung, zu der die richtige Wäschepflege und die Reparatur schadhafter Kleidungsstücke gehören. Es bedarf eines „Rethinking“, erklärte Melina Figel von der PH, einer Änderung der Denkweise, die das Bedürfnis nach einer nachhaltigen Lebensweise bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern weckt.

Nachhaltiges Handeln als Säule für unternehmerischen Erfolg

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch in der Textilindustrie an Bedeutung, wie Catherine Haenle und Joy Leonie Defant vom Albstädter Wäschehersteller Mey bestätigten. Der Familienbetrieb fühle sich seit mehr als 90 Jahren der nachhaltigen Produktion verpflichtet und setze auf nachhaltiges Handeln als eine Säule, die den unternehmerischen Erfolg langfristig sichert. Konkret beginne dies mit der Auswahl der Rohstoffe und langjährigen Partnerschaften mit Lieferanten und ziehe sich durch alle Abteilungen. So würden die Stoffe selbst produziert, die Wertschöpfung geschehe zu mehr als 50 Prozent in Deutschland.

Doch wie soll die Käuferin oder der Käufer beurteilen, ob ein Kleidungsstück nachhaltig ist und Menschenrechte respektiert? Angesichts von 40 verschiedenen Textilsiegeln will „der Grüne Knopf“ mehr Transparenz schaffen. Sebastian Herold vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) diskutierte das staatliche Siegel für nachhaltige Textilien in einem Abendvortrag mit anschließender Podiumsdiskussion.

Baumwolle statt Kunstfasern nutzen

Pfarrer Ralf Häussler, Leiter des Zentrums für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) der Evangelischen Landeskirche, sowie Dagmar Rehse von Femnet stellten die Ökologie und Menschenrechte bei der Textilproduktion ins Zentrum ihrer Beiträge. Dabei wurde laut der PH deutlich: Immer billiger gehe nicht, Menschenrechte und Umweltschutz hätten ihren Preis. Einen konkreten Tipp für nachhaltiges Handeln gab Jan Beringer vom Hohenstein-Institut, der aus chemischer Sicht auf die Textilien inklusive derer Entsorgung blickte: Heutzutage würden in der Textilproduktion oft Kunstfasern eingesetzt. Im Gegensatz dazu könnten Naturfasern wie Baumwolle kompostiert und so dem natürlichen Kreislauf wieder zugeführt werden.

Organisatorin Heike Wagner fasste die Ergebnisse der Tagung zusammen: Die Welt ersticke in der Überproduktion von Textilien. Daraus ergebe sich für Herstellerinnen und Hersteller einerseits, weniger Kleidung zu produzieren und diese zu höheren Preisen zu verkaufen, sowie für die Käuferinnen und Käufer andererseits, höherwertige Kleidung zu kaufen und diese länger zu tragen. „Denn Kleidung wird von Menschen gemacht, die die gleichen Rechte auf gute Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne und eine intakte Umwelt haben wie diejenigen, die die Kleidung vermarkten oder tragen“, so Wagner.

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