Die Musikwelt verdankt ihm viel

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Erno Seifriz ist im Alter von 80 Jahren gestorben. (Foto: Reinhard Jakubek)
Schwäbische Zeitung
Anton Wassermann

Die Benediktinerabtei Weingarten gehörte zwar über Jahrhunderte zu den bedeutenden Reichsklöstern im Habsburgischen Herrschaftsgebiet. Dennoch erlangte es nie den Rang eines herausragenden Kulturzentrums. Aber zwei seiner Klosterkomponisten ragen aus dem breiten Feld provinzieller Musikschaffender heraus: Jakob Reiner (1560 bis 1606) und Michael Kraf (um 1580 bis 1627). Dass heute nicht nur ihre Namen bekannt sind, sondern auch ihr musikalisches Schaffen, ist in erster Linie einem Mann zu verdanken: Professor Erno Seifriz, der am 4. April wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag gestorben ist.

Im Alter von 31 Jahren war er 1963 als Musikprofessor an die Pädagogische Hochschule Weingarten berufen worden, um den Lehrernachwuchs musikalisch zu schulen. Doch er beließ es nicht bei dieser Aufgabe. Schon ein Jahr später ließ sich Seifriz zum Vorsitzenden des Kulturkreises der Stadt Weingarten wählen. Zuvor hatte er vorwiegend mit musikbegeisterten Studenten den Oberschwäbischen Kammerchor gegründet. Und schon früh machte er sich daran, das kompositorische Schaffen der beiden bedeutendsten Weingartener Klosterkomponisten zu erforschen.

Alle diese Aufgabenfelder hat Seifriz eng miteinander verwoben und damit das musikalische Leben weit über die Grenzen von Stadt und Region hinaus bereichert. An der sprichwörtlichen Bescheidenheit seines öffentlichen Auftretens hat dies allerdings nichts geändert.

Anders als heute war das Weingartener Kulturamt über viele Jahre nicht mit einem professionell ausgebildeten Kulturmanager besetzt. Die Kontakte zu den Künstlern und ihren Agenturen musste der ehrenamtliche Kulturkreisvorsitzende knüpfen. Mit einem bescheidenen Etat ausgestattet, stellte er Konzerte zusammen. Seifriz verfasste die erläuternden Texte in den Programmheften und hielt Einführungsvorträge.

Ebenso selbstverständlich führte er den von ihm geleiteten Oberschwäbischen Kammerchor zu hoher musikalischer Blüte. Mit ihm legte er den Grundstein zu den Wolfegger Konzerten. Er wirde regelmäßig zu Rundfunk- und Fernsehaufnahmen eingeladen. Dieser Chor – alle zwei Jahre im Verbund mit dem Kirchenchor St. Maria, den Seifriz ebenfalls lange Zeit leitete – trat mit großen Oratorienwerken in der Basilika auf. 1980 wurde er für seine Verdienste mit dem Kulturpreis der Städte Ravensburg und Weingarten ausgezeichnet, jüngst ist ihm die Bürgermedaille der Stadt Weingarten verliehen worden.

Bettelbriefe an die Sowjets

Bei vielen Gelegenheiten brachte Seifriz auch die seit Jahrhunderten verschollenen Werke Jakob Reiners und Michael Krafs wieder zum Erklingen. Von diesen Kompositionen waren keine Partituren überliefert, nur gedruckte Einzelstimmen – und das über zahlreiche Archive und Bibliotheken über ganz Europa verstreut. In detektivischer Kleinarbeit machte er sie ausfindig und trug sie zusammen. Es bedurfte unzähliger Bettelbriefe, damit die Archive – auch in der damaligen Sowjetunion – Kopien ihrer Noten schickten „Aus einer Einzelstimme konnte ich noch nicht ersehen, ob das Stück so qualitätsvoll ist, dass sich der ganze aufwand lohnt“, erzählte er später einmal.

Die alte Notenschrift musste in die heute übliche Notation übertragen werden. Erst in jüngerer Zeit gab es dafür Computer-Schreibprogramme. Musikstudenten der PH halfen Seifriz bei dieser mühsamen Schreibarbeit. So trug er einen großen Schatz regionalen Kulturguts zusammen, der nicht nur in gedruckter Form, sondern auch als Schallplatten- und CD-Einspielungen sowie im Schallarchiv des SWR der Nachwelt erhalten bleibt. Wer Seifriz persönlich kennenlernen durfte, wird ihn als ebenso liebenswürdigen wie humorvollen Menschen in Erinnerung behalten

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