Die Geschichte des Rossbollenmarschs

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Martialisch aufgemacht wurde der Marsch bei einem Musikwettbewerb prämiert.
Martialisch aufgemacht wurde der Marsch bei einem Musikwettbewerb prämiert. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Der Heimatkundler Klaus Tropf aus Stuttgart ist jedes Jahr als Mitglieder der Reitergruppe Zußdorf beim Blutritt dabei. Sein Interesse an historischen Themen und der Reiterprozession brachte ihn dazu, die Geschichte des sogenannten „Rossbollenmarschs“ zu erkunden. Seine Erkenntnisse über das Musikstück, das zum Blutritt dazugehört, hat er im folgenden Text aufgeschrieben.

Der „Rossbollenmarsch“ gilt als der Blutfreitagsmarsch schlechthin. Fast jede der teilnehmenden Blaskapellen hat ihn in ihrem Repertoire, obwohl er aufgrund seines Schwierigkeitsgrades eher zu den anspruchsvolleren Märschen gezählt werden muss. In jeder Veröffentlichung über den Blutritt wird der Rossbollenmarsch zumindest gestreift, sei es im von Paul Kopf herausgegebenen „Der Blutfreitag in Weingarten“ (S. 221), sei es in der 1994 veröffentlichten Festschrift zum 900-jährigen Jubiläum (Teil 1, S. 281). In letzterer heißt es sogar, dass der Rossbollenmarsch in seiner Wirkung mit einer Nationalhymne wetteifern könne.

Der richtige Titel „Wir präsentieren“ ist kaum jemandem bekannt. Wie der Name schon sagt, handelt es sich eigentlich um einen Präsentiermarsch, wie er bei Armeen zur Begleitung des Abschreitens der Front einer angetretenen Truppe gespielt wird. Er gehört auch heute noch zum Repertoire der Militärkapellen. Wann und von wem er in Weingarten erstmalig als „Rossbollenmarsch“ bezeichnet wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Von dem Komponisten und den Umständen der Entstehung wissen wir jedoch Einiges. Wie so häufig bei altehrwürdigen Traditionen, welche man auf unvordenkliche Zeiten datieren möchte, erweisen sich diese oft jünger als gedacht. Der Marsch wurde nämlich erst im Jahr 1911 von einem gewissen Hans Ailbout für einen Musikwettbewerb der im August-Scherl-Verlag erscheinenden „Woche“ komponiert. Die „Woche“ betitelte sich selbst als „Moderne illustrierte Zeitschrift“ und kann damit als Urahnin aller heutigen Illustrierten angesehen werden.

Der Scherl-Verlag wurde im Jahre 1900 von August Hugo Friedrich Scherl gegründet und kam ab 1916 in den Besitz des Medienmoguls Alfred Hugenberg. Der Scherl-Verlag brachte die Zeitschriften „Die Gartenlaube“ sowie „Die Woche“ heraus. In letzterer wurde im Juli 1911 ein allgemeiner Wettbewerb für Militärmärsche ausgeschrieben, nachdem man kurz zuvor mit ähnlichen Kompostitionswettbewerben für Volkslied, Ballade und Walzer gute Erfolge erzielt hatte und die Leserschaft begeisterte. Als Leitbild wurde auf die älteren preußischen Militärmärsche hingewiesen als klassische Beispiele der Marschmusik schlechthin. Von den 3791 eingereichten Märschen kamen ein Viertel aus dem Ausland. Nach monatelanger Prüfung und Vorsichtung wurden 420 daraus dem Preisgericht vorgelegt. Dieses bestand aus einem „General à la suite und diensttuenden Flügeladjutant Seiner Majestät des Kaisers und Königs“, dem ersten und zweiten Armeemusikinspizienten, einem Professor der Königlichen Akademie der Künste sowie einem Königlichen Obermusikmeister. Diese fünf Preisrichter prüften jeweils sämtliche 420 verbliebenen Beiträge und stellten 140 daraus zur engeren Wahl. In gemeinsamen Konferenzen wurde dann die engste Auswahl von vier Preisträgern getroffen. Der erste Preis, welcher mit der stolzen Summe von 3000 Reichsmark dotiert war, ging dabei an Hans Ailbout, Konservatoriumsdirektor in Berlin.

Respektierter Komponist

Hans Ailbout wurde am 2. Juli 1879 in Krefeld geboren und starb am 1. September 1957. Er war Komponist und Arrangeur und unterrichtete von 1901 bis 1907 am renommierten Stern’schen Konservatorium in Berlin im Fach Klavier (Städtisches Konservatorium für Musik in Berlin, gegründet 1850 von Julius Stern). Später war er Direktor des Mozart-Konservatoriums in Berlin-Wilmersdorf. Das im Sonderheft der „Woche“ wiedergegebene Brustbild von ihm zeigt einen ernstblickenden Herrn mit scharfen Gesichtszügen, schmalen Augen, hoher Stirn und Oberlippenbart; der Hals ist verdeckt mit einem zeittypischen sogenannten Vatermörderkragen.

Insgesamt kann man sagen, dass Hans Ailbout im Berlin der 20er Jahre als respektierter Komponist und Dirigent galt. Zusammen mit Herms Niel schuf er den Song „Im Rosengarten von Sanssouci“, welcher ein bekannter Schlager wurde; und zusammen mit Robert Klaaß brachte er „Das goldene Buch der Lieder“ heraus, welches unter diesem Titel bis heute im Buchhandel erworben werden kann.

Von Hans Ailbout, der auch unter verschiedenen Pseudonymen arbeitete, lassen sich eine ganze Reihe von Werken ausmachen. So komponierte er etwa die Begleitmusik zu dem Stummfilm „Miss Venus“ und die Marschlieder „Es grüne die Tanne!“ sowie „Der grüne Jägersmann“. 1923 schuf er etwa die Musik zu dem Operettenfilm „Die blonde Geisha“ und im Jahr 1934 die Filmmusik zu „Die Bande vom Hoheneck - Jugend im Kampf gegen Spuk und Verbrechen“; außerdem stammt noch eine „Humoreske in C-Dur“ von ihm.

Den preisgekrönten Marsch hat Hans Ailbout „Seiner Majestät dem Kaiser und König in tiefster Ehrfurcht zugeeignet“. Alle vier preisgekrönten Märsche wurden am 31. Januar 2012 „im Königlichen Schloß zu Berlin Seiner Majestät dem Kaiser und König vorgespielt und daraufhin von Seiner Majestät Allerhöchst zu Armee-Märschen bestimmt.“

Die Noten des Rossbollenmarsches sind bis heute im gut sortierten Musikalienhandel noch erhältlich. Mehrere Einspielungen davon, wie könnte es anders sein, finden sich inzwischen auch auf youtube. Der Marsch ist relativ kurz und dauert leider nur knappe drei Minuten; dafür kann man ihn sich dann aber immer und immer wieder anhören und so das ganze Jahr über Blutfreitagsstimmung herbeizaubern.

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