Der Junge, der nicht wusste, wo er war

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Vorne im Bild Viktoria Doris Graenert, hinter ihr auf der Leinwand der bald 85-jährige Hermann „Mano“ Höllenreiner, der als Jung
Vorne im Bild Viktoria Doris Graenert, hinter ihr auf der Leinwand der bald 85-jährige Hermann „Mano“ Höllenreiner, der als Junge Auschwitz überlebte. (Foto: Sybille Glatz)
Sybille Glatz

Gut 250 Zuhörer drängen sich im Festsaal der Pädagogischen Hochschule Weingarten, darunter viele Jugendliche. Es ist still. Nur die Stimme von Viktoria Doris Graenert ist zu hören, die aus einem Buch vorliest. Es erzählt die Geschichte von „Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war“. Hinter Graenert ist eine Videoleinwand aufgebaut. Auf ihr ist das Bild eines älteren Mannes zu sehen. Das ist Mano. Hermann „Mano“ Höllenreiner ist heute kein Junge mehr, sondern ein Mann von bald 85 Jahren. Um seine Geschichte geht es in dem Buch und an diesem Abend. Es ist die Geschichte eines Jungen aus einer Sinti-Familie, der im März 1943 im Alter von neun Jahren mit seiner Familie ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wird. Er überlebt Auschwitz und zwei weitere Konzentrationslager. Als das Kriegsende naht, wird er zusammen mit anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch Richtung Westen getrieben. Unterwegs gelingt ihm die Flucht. In den Wirren des Kriegsendes nehmen ihn französische Kriegsgefangene unter ihre Fittiche und mit nach Frankreich. Dort nimmt ihn eine Pflegefamilie bei sich auf. Erst als die Häftlingsnummer entdeckt wird, die auf seinem Arm eintätowiert ist, wird über Suchdienste seine Familie in München ermittelt. Zu dieser kehrt er im Dezember 1946 zurück.

Über das, was er erlebt hat, sagt Hermann Höllenreiner in einem Video: „Das kann man gar nicht so erzählen, wie es war. Das kann man nicht vergessen. Es war furchtbar.“

Höllenreiter ist zu krank, um persönlich anzureisen

Ursprünglich war geplant, dass Höllenreiner persönlich am Freitag vergangene Woche nach Weingarten kommt. In Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung hatte das Alevitische Bildungswerk ein Zeitzeugengespräch mit ihm organisiert. Unterstützt von Viktoria Doris Graenert und anhand des Buches wollte Höllenreiner an diesem Abend von seinem Schicksal, seinem Leiden und seinem Überleben berichten.

Doch aus gesundheitlichen Gründen habe er nicht kommen können, teilt Graenert dem Publikum zu Anfang mit. „Ihm tut es sehr leid. Der Arzt hat es ihm verboten, die Reise auf sich zu nehmen.“ Wie Graenert sagt, kennt sie Höllenreiner sehr gut. Seit gut 30 Jahren ist sie ehrenamtlich in Ausschwitz engagiert. Bei ihrer Arbeit habe sie ihn und viele weitere Überlebende kennengelernt. „Aber nur noch wenige sind zu einem Gespräch in der Lage“, bedauert Graenert. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto seltener werden die Gelegenheiten, Zeitzeugen wie Höllenreiner persönlich zu hören.

Zu hören ist er an diesem Abend dennoch. In einem siebenminütigen Video, das zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen wurde, berichtet er von seiner Deportation und von dem Schrecklichen, das er erlebt hat. Vom tagelangen Transport in einem Viehwagon ohne Toilette erzählt er, der „genau so schlimm war wie Ausschwitz“. In dem Video ist Höllenreiner zu sehen, hin und wieder werden historische Aufnahmen gezeigt. Höllenreiner erzählt, wie alte Leute bei ihrer Ankunft in Auschwitz aussortiert und „ins Gas geschickt“ worden seien, wie es nach Vergasungen nach „Menschenfleisch gestunken hat“, er erzählt von Schlägen, Hunger, Zwangsarbeit, Zwangssterilisation, Krankheiten und Tod. „Wir Kinder mussten die Toten aufladen“, sagt er. „Es waren nur noch Gerippe“. Zwischen den Erzählungen beteuert er: „Alles Tatsache, was ich erzähle. Es ist zu 100 Prozent wahr.“

Vor und nach dem Video liest Graenert aus dem Buch von Anja Tuckermann vor, das Manos Geschichte erzählt. In diesem Schuljahr ist es Prüfungslektüre an den Realschulen im Fach Deutsch. Das mag ein Grund dafür sein, dass viele Jugendliche zu der Veranstaltung gekommen sind. Manche von ihnen haben das Buch dabei. In den Pausen zwischen den Lesestücken spielt das Guttenberger-Trio, eine Sinti-Musikgruppe aus Ravensburg, deren Vorfahren ebenfalls im KZ Auschwitz waren.

Erinnerungen quälen Mano immer noch

Die Erzählung des Jugendbuches setzt bei Kriegsende ein. Anschaulich erzählt Manos sein Schicksal nach. Zusammen mit sechs anderen Jungen ist er auf der Straße unterwegs. Sie versuchen, sich zu Fuß nach München durchzuschlagen. Der elfjährige Mano ist der Jüngste von ihnen. Er bleibt immer weiter zurück und wird von französischen Kriegsgefangenen aufgenommen, die ihn mit nach Frankreich nehmen. Eine Französin kümmert sich um den völlig erschöpften und verletzten Jungen. Sie schärft ihm ein: „Du bist nicht deutsch, du bist jetzt Franzose! Du hast die Sprache vergessen und alles! Du weißt nur noch deinen Namen und dein Alter!“

Die Erzählung wird immer wieder unterbrochen von Rückblicken, von schlimmen Erinnerungen, die den Jungen quälen. Diese Erinnerungen quälen den heute fast 85-jährigen Mano immer noch, sagt Graenert. Dass seine Erinnerungen nicht vergessen werden, war für Graenert die Motivation, sich zu engagieren. Sie sagt: „Wir tragen keine Verantwortung für das, was passiert ist. Aber wir tragen alle Verantwortung dafür, dass es nicht noch einmal passiert.“

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