Der Blutritt und die Revolution von 1848

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Das Jahr 1848 ist allgemein als Datum einer der wenigen Revolutionen auf deutschem Boden bekannt. Sie gilt als einer der ersten Versuche, die Demokratie als Staatsform in Deutschland zu etablieren. Der Versuch scheiterte bekanntlich. Weniger bekannt ist dagegen, dass das Ereignis auch Auswirkungen auf den Weingartener Blutritt hatte. Und da hatte es wohl wesentlich mehr Erfolg – im positiven Sinne.

Der erste Blutreiter nach 30 Jahren

Es ist das Jahr 1849. Vikar Anton Arnold trägt als Heilig-Blutreiter die Reliquie und führt die Prozession an. Begleitet wird er von vier berittenen Standartenträgern. Was sich heutzutage jährlich wie eine Selbstverständlichkeit wiederholt und den Weingartener Blutritt zur größten Reiterprozession in Europa gemacht hat, war damals eine Sensation. Denn nach über 30 langen Jahren war zum ersten Mal wieder ein Heilig-Blutreiter zu sehen, der zu Pferde saß und die Heilig-Blut-Reliquie mit sich trug.

Die Ursachen, die zum Blutritt-Verbot im Jahr 1803 führten, sehen Historiker in der Verbreitung des aufgeklärten Gedankenguts. Der Mensch war dazu aufgefordert „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“, wie der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724 - 1805) in seiner berühmten Schrift „Was ist ist Aufklärung?“ aus dem Jahr 1784 gefordert hat. Im Bewusstsein des moralisch Richtigen, solle er sich befreien und sein Glück finden.

Kirche verbietet Blutritt

An der Kirche ist die Aufklärung nicht spurlos vorbeigegangen. Prinzipiell war man sich einig, Vernunft und Offenbarung seien miteinander vereinbar. Die katholischen Aufklärer waren allerdings auch davon überzeugt, dass man den katholischen Glauben vom Rankenwerk des Aberglaubens befreien und ihn so leben und lehren müsse, wie Jesus ihn lehrte und lebte. Zum Aberglauben zählte man nicht allein Hexenwahn, Exorzismus und Wundersucht, sondern auch Formen der Volksfrömmigkeit wie Prozessionen und Wallfahrten, Heiligen- und Blutverehrung, Ablässe und Bruderschaften. Sie sollten zwar nicht ausgerottet werden, durften jedoch die ordentliche Seelsorge nicht überwuchern.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass auch der Weingartener Blutritt in den Fokus der Kirche geriet. Schließlich gab es sogar ein offizielles Verbot für die reitende Begleitung des heiligen Bluts. Eine entsprechende Verordnung hatte Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg – seines Zeichens Generalvikar des Bistums Konstanz – am 10. Februar 1804 erlassen. Ab diesem Zeitpunkt gab es den Blutritt in seiner ursprünglichen Form nicht mehr. Ausdrücklich gestattet wurde hingegen eine Bittprozession zu Fuß mit anschließendem Hochamt.

Das endgültige Aus drohte

Das Verbot traf Altorf – wie Weingarten zu diesem Zeitpunkt noch hieß – hart. Nicht nur war die Pilgerfahrt eng in den Menschen verwurzelt, sie war auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Die Bitte des Oberamtsmanns Karl Friedrich Dizinger am 23. März 1812 den Blutritt wieder zu gestatten, führte diese Argumente an. Seine Bitte blieb unerhört. Fast zwanzig Jahre später drohte dem Blutritt sogar das endgültige Aus. 1838 legte das Bistum Rottenburg eine neue „Allgemeine Gottesdienstordnung“, die die Aussetzung von Reliquien auf dem Altar und deren Mitführung bei Prozessionen verbot.

Daraufhin sandte der Gemeinderat am 26. März im selben Jahr Eingaben an den König und das bischöfliche Ordinariat, die die verheerenden Folgen dieser Bestimmung für Altdorf hervorhoben. Den Eingaben waren eine Denkschrift eines zunächst unbekannten Verfassers über die Bedeutung des Blutritts beigefügt, die vehement seine Wiedereinführung forderte. Als sich herausstellte, der hohe Ravensburger Beamte Friedrich K. L. Hoyer – übrigens ein Protestant – habe diese Schrift verfasst, hatte das empfindliche Folgen für ihn. Er wurde strafversetzt.

Ausnahme vom Verbot

Seine Denkschrift wurde dennoch zu einem Erfolg. Sie erreichte immerhin, dass sich das Verbot nicht auf Heilig-Kreuz- und Heilig-Blut-Reliquien bezog. Trotz Verbots war die Flurprozession am Blutfreitag bis in die 1840er Jahre hinein ein farbenprächtiges und festliches Ereignis. 1838 kamen immerhin zwischen 6 000 und 8 000 Pilger.

Mit der Revolution im Jahr 1848 kam dann die Wende. Denn auch in den Behörden zog zeitweise ein etwas liberalerer Kurs in den Behörden ein. In einem Erlass stellte beispielsweise die Stadt Ulm fest, dass es künftig keiner Genehmigung der Teilnahme für auswärtige Bürgermilitärkorps bedarf. Und trotz des Scheiterns der Demokratiebewegung wagten es die Altdorfer beim eingangs erwähnten Blutritt im Jahr 1849, die Reliquie wieder zu Pferd mitführen zu lassen. Mit Erfolg, denn weder vom Oberamt noch vom bischöflichen Ordinariat in Stuttgart kamen Einsprüche. Der Blutritt kehrte damit zu seiner ursprünglichen Form zurück und dass es zukünftig auch so bleiben würde, dem Stand nun nichts mehr im Weg.

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