"Der Bedarf ist da, aber es fehlt an Studienplätzen"

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Theresia Simon ist seit 2005 an der Hochschule in Weingarten.
Theresia Simon ist seit 2005 an der Hochschule in Weingarten. (Foto: Hochschule Ravensburg-Weingarten)
Schwäbische Zeitung

Eine Woche ist das neue Sommersemester an der Hochschule Ravensburg-Weingarten alt. Insgesamt 364 Erstsemester haben das Studium aufgenommen. Doch die Bewerberzahl lag mit 1703 deutlich höher. Mehr als drei Viertel der Bewerber mussten abgelehnt werden. Im Interview mit Oliver Linsenmaier erklärt Prorektorin Theresia Simon, warum gerade der Studiengang „Soziale Arbeit“ besonders beliebt ist, warum sie im Wintersemester noch viel mehr Bewerber ablehnen muss und was es mit hellgrünen, duftenden Bewerbungsbriefen auf sich hat.

Nicht einmal jeder vierte Bewerber für das Sommersemester an der Hochschule wurde angenommen. Ist das normal?

Es ist normal, dass wir sehr viel mehr Bewerber als Studienplätze haben. Allerdings hängt das auch vom Studiengang ab. Es gibt ein paar Fächer, die herausstechen. Zum einen sind es Fächer, auf die sich sehr viele internationale Studierende bewerben, wie Elektrotechnik oder Electrical Engineering & Embedded Systems. Bei deutschen Studierenden sind besonders Soziale Arbeit oder Betriebswirtschaft und Management sehr beliebt.

Gibt es diese hohen Bewerberzahlen schon immer oder steigen sie weiter an?

Mit der zunehmenden Internationalisierung und durch neue Studiengänge sind die Bewerberzahlen schon angestiegen. Bei Studiengängen wie der Sozialen Arbeit hatten wir immer schon ein ganz hohes Interesse. Und dabei ist der Sommer traditionell ein etwas schwächer nachgefragtes Semester. Im vergangenen Wintersemester hatten wir bei der Sozialen Arbeit 1171 Bewerber auf 55 Plätze. Das zeigt, wie stark dieser Studiengang momentan nachgefragt ist. Bei Betriebswirtschaft und Management hatten wir rund 1040 Bewerbungen auf 62 Plätze. Das ist natürlich toll.

Die Gesamtzahl aller Bewerbungen muss damals noch deutlich höher gewesen sein?

Wir hatten 5100 Bewerbungen auf 620 Bachelor-Plätze. Im Master hatten wir 1200 Bewerbungen auf 154 Plätze. Wichtig ist dabei aber auch zu sehen, dass sich praktisch alle Bewerber parallel auch noch an anderen Hochschulen oder Universitäten bewerben und im Zweifel den Studienplatz gar nicht antreten würden.

Gibt es auch Studiengänge, die wenige Bewerber anlocken?

Die gibt es leider auch. Generell sehen wir, dass die technischen Studiengänge weniger nachgefragt sind, als die nicht-technischen. Besonders schade ist, dass es die ingenieur-pädagogischen Studiengänge sind. Wir brauchen im Land Ingenieurpädagogen, die später mal in das höhere Lehramt an beruflichen Schulen gehen. Die Studiengänge sind leider chronisch schlecht nachgefragt, da der Weg ins Lehramt sehr lang ist. Doch gibt es auch andere Wege. Mit ihrer doppelten Qualifikation sind die Absolventen auch für die Industrie hochinteressant.

Warum ist Soziale Arbeit so beliebt?

Ich glaube, dass das den Nerv unserer Zeit trifft. Das sind Dinge, die junge Leute auch interessieren. Sie sehen die Aufgabe und die gesellschaftliche Verantwortung, die sie als junge Generation übernehmen wollen. Das ist ein deutliches Signal dafür. Es ist eine spannende Aufgabe, später im sozialen Bereich zu arbeiten. In unserer Region haben wir eine hohe Dichte an Institutionen in diesem Bereich, die später als Arbeitgeber fungieren können. Ich glaube, das ist ein Spezifikum unserer Region.

Und dennoch fehlt es an Fachkräften.

Der Bedarf ist da, aber es fehlt an Studienplätzen. Wir können nicht beliebig viele ausbilden. Wir tun schon etwas, um diese Schere ein Stück weit zu schließen. Aber landes- und bundesweit haben wir immer noch ein krasses Missverhältnis zwischen dem Bedarf und den Ausbildungskapazitäten. Für die Studierenden ist das natürlich toll. Die sind arg nachgefragt. Wenn die fertig sind, ist es kein Problem, einen Arbeitsplatz zu finden. Gesellschaftlich gesehen müssen wir die Lücke immer noch schließen.

Also wäre es für die Hochschule Ravensburg-Weingarten interessant, dieses Studienfeld weiter auszubauen?

Das ist sehr interessant. Man kann natürlich nicht beliebig ausbauen. Dafür braucht es auch Ressourcen vom Land. Das hängt von vielen Faktoren ab. Der Bedarf ist aber auf jeden Fall da. Wenn wir diese Lücke schließen wollen, muss man sich, egal wo, anstrengen.

Beim Blick auf die Bewerbung selbst. Welche Kriterien spielen da eine Rolle?

Die Note ist immer ausschlaggebend und das zentrale Auswahlkriterium. Ohne Note geht es nicht. Sie müssen eine Rangliste bilden. Für den Bachelor-Zugang fallen den Fächern Mathematik, Deutsch und einer Fremdsprache besondere Gewichtung zu. Es gibt aber auch Studiengänge, da können sie sich durch Zusatzqualifikationen im Ranking verbessern. Das funktioniert mit beruflichen Erfahrungen und Nachweisen von Forschungsarbeiten.

Die Form der Bewerbungen ist ja eigentlich vorgegeben. Gibt es trotzdem Kurioses?

Die Mitarbeiter des Zulassungsamt haben erzählt, dass sie im April und Mai von hellgrünen Briefumschlägen träumen. Die kommen nämlich von Indern. Die indischen Studierenden bewerben sich traditionell mit hellgrünen Briefumschlägen und die sind manchmal auch noch nett mit Stoff gefüttert. Und: Mancher riecht auch besonders gut nach Parfum oder exotischen Gewürzen. Aber das sind Äußerlichkeiten. Die sind in der Bewertung natürlich nicht ausschlaggebend.

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