Das „Finanzamt der Zukunft“ in der Region kommt

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Pilotprojekt „Finanzamt der Zukunft“ gestartet
Baden-Württembergs Finanzministerin Edith Sitzmann hat am Mittwoch in Weingarten das Projekt „Finanzamt der Zukunft“ gestartet.
Schwäbische Zeitung

Finanzministerin Edith Sitzmann hat am Mittwoch in Weingarten das Projekt „Finanzamt der Zukunft“ vorgestellt. „Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen, um die Servicequalität der Finanzämter zu verbessern“, sagte Sitzmann bei einer Pressekonferenz im Finanzamt Ravensburg mit Sitz in Weingarten. Ziel sei es, Hürden für die Bürger abzubauen und die Arbeit der Beamten effizienter zu gestalten. Dabei ist das Finanzamt eines von fünf Ämtern in Baden-Württemberg, das eben diese zusätzlichen Möglichkeiten der Digitalisierung erprobt.

Ravensburg habe mit seiner Bewerbung überzeugen können, sagte Ministerin Sitzmann. „Die Mitarbeiter hier in Weingarten haben das mit ihrer Kreativität und ihrem Engagement möglich gemacht“, sagte der Vorsteher des Finanzamts, Frank Widmaier. „Wir freuen uns darauf zu zeigen, wie die Finanzverwaltung moderner werden kann.“

Quote erhöhen

Effizienz-Potenzial sieht die Ministerin vor allem bei den elektronisch eingereichten Steuererklärungen. Aktuell nutzen diese Möglichkeit 86 Prozent Personen, die von einem Steuerbüro beraten werden. Bei Bürgern, die ihre Erklärung ohne Beratung abgeben, liegt die Quote bei 49 Prozent. Genau bei dieser Klientel will man ansetzen. „Wir wollen eine Quote von über 80 Prozent bei den nicht beratenen Steuerpflichtigen“, sagte Oberfinanzpräsidentin Andrea Heck. Auch beim sogenannten Risikomanagement gibt es Verbesserungspotenzial. Gerade einmal 9,4 Prozent aller eingereichten Steuererklärungen sind schlüssig. Der Rest muss nachbearbeitet werden. Das bestehende Elster-Serviceangebot zur elektronischen Bearbeitung der Steuererklärungen soll deshalb deutlich ausgeweitet werden. An sogenannten Elster-Points können Bürger künftig während der Öffnungszeiten ihre Fragen stellen, beispielsweise zur Authentifizierung, ähnlich einer persönlichen Unterschrift, die eine digitale Übersendung der Unterlagen an die Behörde voraussetzt. Die Authentifizierung sei nach wie vor ein großes Hindernis. „Da steigen viele aus“, sagte die Ministerin.

Umgang mit Elster erleichtern

Außerdem arbeitet man gerade an einer Liste mit häufig gestellten Fragen und Antworten. Individuelle Fragen sollen die Bürger künftig auch per E-Mail, über einen Chat oder per Telefon auch außerhalb der Öffnungszeiten stellen können. Zudem will das Finanzamt Ravensburg immer Donnerstag um 14 Uhr eine Elster-Schulung anbieten, um Interessierte direkt vor Ort einführen zu können. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, die Bürger abzuholen und ihnen den Umgang mit Elster zu erleichtern.

Effizientere Bearbeitung

Die Bearbeitung der Steuererklärungen auf Papier ist für die Ämter mit hohem Arbeits- und Zeitaufwand verbunden. Denn sie müssen erst nach Karlsruhe gebracht und eingescannt werden, bevor die Beamten sie bearbeiten können. „Dieser Arbeitsschritt kostet zwei Arbeitstage“, sagte Heck. Zeit, die man sich sparen könne, um sich schwierigeren Fällen widmen zu können. Zudem können dadurch die Bearbeitungszeiten verkürzt und Steuer-Erstattungen früher ausbezahlt werden.

Wie hoch das Einsparungspotenzial tatsächlich ist, konnte die Oberfinanzpräsidentin nicht beziffern.

Auch in der Zusammenarbeit mit Unternehmen und anderen Behörden will man künftig auf Technologie setzen. Per Videokonferenz sollen sich die beteiligen Parteien künftig direkt miteinander austauschen können und zeitnah Fragen klären.

„Wir stehen am Anfang und wollen mit dem Projekt Erfahrung für die Praxis sammeln“, sagte die Ministerin.

Im Jahr 2016 haben die 65 Finanzämter in Baden-Württemberg knapp vier Millionen Steuerfälle bearbeitet. Im Finanzamt in der Broner Straße kümmern sich 269 Beamte um 35 174 Einkommensteuerfälle. Das Steueraufkommen beträgt 877 Millionen Euro. Zum Vergleich: Fast dieselbe Summe wendet das Land Baden-Württemberg jährlich für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren auf.

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