Bunte Künstlertruppe spielt vor halbleeren Rängen

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 Mit ihrem geheimen Panoptikum der Träume ist das „Theater für die Jugend“ auf Sommertournee, auf dem Münsterplatz spielte das z
Mit ihrem geheimen Panoptikum der Träume ist das „Theater für die Jugend“ auf Sommertournee, auf dem Münsterplatz spielte das zwölfköpfige Ensemble leider vor halbleeren Rängen. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Das „Theater für die Jugend“ kommt mit dem Theater zu den Menschen – aufs Land. In diesem Fall auf den Münsterplatz, am vergangenen Donnerstag und Freitag. Nur leider sind die Menschen nicht zum Theater gekommen. Trotz Kinderprogramm und Revuekonzert, trotz kostenlosem Eintritt konnte die bunte Vagabundentruppe nicht mehr als ein paar Dutzend Menschen vor ihrer mitgebrachten Wanderbühne versammeln. Schade.

„Das geheime Panoptikum der Träumer“ steht handgelettert auf dem Bühnenrand, jemand hat einen Elefantenkopf hingemalt, eine nackte Eva, ein Skelett, das ein blutendes Herz in den knochigem Fingern hält. Roter Samt ziert die Holzkonstruktion der Bühnenbretter. Während sich die Sonne langsam hinter die Häuserzeilen des Münsterplatzes zurückzieht, machen sich die Musiker bereit. Ein Schlagwerk, ein Kontrabass und eine Fidel warten darauf bespielt zu werden. Die Künstler, deren gefleckte Hunde es sich hinter der Bühne bequem gemacht haben, sind barfuß oder tragen löchrige Sneaker, sie tragen die Haare lang und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Eine Schauspielerin läuft mit aufgeschlagenem Ringbuch auf und ab, rezitiert noch einmal ihren Text. Um 20 Uhr sitzen etwa 30 Zuschauer auf unbequemen weißen Drahtstühlen, die beim Kurkonzert in Bad Wörsihofen längst ausgemustert wurden. Dann wabert Rauch über die Bühne und die Show beginnt.

Die Künstlertruppe des „Theater für die Jugend Burghausen“ sieht tatsächlich aus wie eine Reisegesellschaft aus dem 17. Jahrhundert und hat vier selbstgeschriebene Stücke im Gepäck.

Nach zwei Kindervorstellungen – einem Gruselabenteuer und einem Zauber-Spektakel – bringen die zwölf Schauspieler, Sänger, Musiker und Artisten am Ende ihres zweitägigen Gastspiels das Revuekonzert „Land über“ mit dem Untertitel „Fürchtet euch nicht!“ auf die Vagabundenbühne. Sie sind mit ihrem Thespiskarren auf Einladung des Kulturzentrums Linse nach Weingarten gekommen. „Der Münsterplatz soll belebt werden“, sagt Markus Zink, der für die Live-Veranstaltungen der Linse verantwortlich zeichnet. Am Freitag jedoch, nachdem die bunte Truppe schon drei Auftritte gespielt hat, ist die Resonanz eher mau. „Insgesamt waren vielleicht 120 Zuschauer da“, resümiert Zink deprimiert. Seine Befürchtung, das tolle Spektakel der Truppe um seinen langjährigen Freund Mario Eick könnte auf dem abgeschiedenen Münsterplatz weitgehend unbemerkt bleiben, hat sich irgendwie bewahrheitet. „Im Stadtgarten wären die Leute halt schon da, das wäre das perfekte Ambiente für diese Form des Straßentheaters“ – hatte Zink bereits im Vorfeld gesagt.

Nun aber spielen die Zwölf ganz professionell eben vor kleinem Publikum. Barbara mit der bajuwarischen Schnauze erzählt vom Leid ihres Daseins als Dorfwirtin, der feinsinnige Winfried von seinen Problemen bei der dörflichen Integration. Es geht um preußische Immigranten und Hirschhornknöpfe an der Tracht, um Liebesgeflüster und Eifersucht auf dem Dorf, um das moralische Wertesystem, das sich übrigens in Oberschwaben nur in Nuancen von dem in Bayern unterscheidet. Wer kann, der singt – und die traurige Opernsängerin Claudia kann’s wirklich erstklassig – wie sich überhaupt ganz offensichtlich Könner ihres Genres zusammengefunden haben, für dieses Leuchtturm-Projekt, das sich „Aufs Land“ nennt.

Finanziell wird die Truppe unterstützt vom Förderprogramm Landkultur des Bundesministeriums für Landwirtschaft du Ernährung. Auf Markt- und Dorfplätzen sind die Künstler unterwegs. Ganz ohne Absperrung oder Kasse spielt die bunte Künstlertruppe, nur auf den Hut. Immer dabei: der Bühnennachbau einer süddeutschen Reisegesellschaft auf dem Jahr 1719. Und es sei der Idee gegönnt, dass sich im Ruhpoldinger Kurpark oder am Festsaal in Reit im Winkl mehr Zuschauer einfinden, für diese ebenso wundersame wie grandiose Truppe, die Theater zu den Menschen bringen will.

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