Brian Auger ist nicht mehr zu stoppen

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 Brian Augers Oblivion Express begeisterte das Publikum in der Linse
Brian Augers Oblivion Express begeisterte das Publikum in der Linse (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Mit Brian Augers Oblivion Express hat sich der Ravensburger Verein Jazztime in Kooperation mit dem Kulturzentrum Linse am Freitag eine Formation nach Weingarten eingeladen, die ihr Publikum via Film, Publikumsgespräch und Konzert begeisterte. Was sich am Abend nicht erfüllte, war der geplante Auftritt von Ex-Santana-Vocalist Alex Ligertwood, auf den sich viele gefreut hatten. Ihn vertrat die junge Sängerin Liliane de los Reyes. Am Bass Andreas Geck, an den Drums Karma Auger und an der Hammond der Meister selbst.

Da stand er plötzlich ganz hinten im großen Linsesaal, um noch die letzten Minuten des zu Ende gehenden Dokumentarfilms „Brian Auger – Life on Tour“ mitzuerleben. Weites farbiges Hemd über weißer Jogginghose und Sneakers. So, als sei er gerade der Leinwand entstiegen. Brian Auger zählt zu den lebenden Jazz-Rock-Funk-Soul-Legenden, dessen Markenzeichen die Hammond-Orgel ist. In dem Fall eine Hammond-B3, deren silbrig glänzende Außenhaut sofort aus dem Equipment heraussticht. Doch bevor die Sets ihre Fahrt aufnahmen, bekamen die Zuschauer die von Regisseur Michael Maschke gedrehte Dokumentation über den „Godfather des Acid Jazz“ zu sehen und zu hören.

Seinen 80. Geburtstag feiert Brian Auger dieses Jahr, und man sieht es ihm nicht an. Weder im Film, der einige Rückblicke auf seine Anfänge in den 1960er-Jahren bietet, noch live auf der Bühne. „It’s a really great band“, lauten eingeblendete Kommentare von Musikern und Produzenten, die den Briten von Anbeginn begleitet haben. Als er 1965 „The Steampacket“ mit Rod Stewart, Julie Driscoll und John Baldry gründete. Anschließend die Gruppe „Trinity“, die sich 1970 wieder auflöste und ihr „Oblivion Express“ folgte. Er sei wirklich der erste gewesen, der die Stars des Rock´n´Roll mit Jazz und Fusion mischte.

Was Auger über das Musikalische hinaus so sympathisch macht, ist sein Humor. Wenn er von Auftritten in der Berliner Philharmonie erzählt, als sie nach der Big Band von Dizzy Gillespie auf die Bühne kamen mit Julie Driscolls abgehobenen Sound. Oder bei einem Auftritt mit Jerry Lee Lewis, Little Richard und Fats Domino drei Pianos übereinander standen. Augers Hammond ganz oben. Wie solle er da hoch kommen, lachte er und mit ihm der ausverkaufte Saal. An 1989 erinnerte er sich anlässlich der ersten Staffel der Fernsehserie „Super Drumming“ als „Crazy stuff in a particular time“ im Weltkulturerbe „Völklinger Hütte“. Er sei voller Energie und Kraft, was sich auch im Gespräch mit Michael Maschke und dem Publikum auf der Bühne zeigte. Euphorisch erzählte er von seiner ersten Hammond, die großartig getönt habe, nur mitten im Konzert anfing zu qualmen. Dass es ohne seinen Sohn Karma keinen Oblivion-Express gäbe, mittlerweile Tochter Savannah Grace als Sängerin auch mit dabei ist.

Statt wie erwartet Alex Ligartwood stand Liliane de los Reyes, Tochter von Alfredo Reyes, als würdige Vertreterin auf der Bühne. Nicht nur sängerisch, sondern ebenso gut an der Perkussion. Ihre Stimme, die mühelos zwischen lasziven Turns und hochexplosiven Grooves changiert, faszinierte von Anbeginn an. In Klassikern wie „Sundown“, „Road to Cairo“ oder „Season of the Witch“ lotet ihr Sound die Grenzen aus. Mit dem Gefühl, das da noch mehr an Volumen in ihr steckt. Diese unbändige Selbstsicherheit, die auch gestisch ihren Widerhall fand, brachte den Oblivion Express kräftig in Schwung.

Richtig an Fahrt nahm er mit Brian Auger auf. Sobald er hinter seiner Hammond sitzt, ist er nicht mehr zu bändigen. Da bricht vom ersten Akkord an dieser typische Klang durch, den er mit seiner Fingertechnik über zwei Manuale hinweg fegt. Sein Instrument fetzte durch den Abend – brüllend und schreiend, scharfkantig und zischend, aber auch ruhig und besänftigend. Zwischendrin griff er zum Mikrofon, um in einem Mix aus Deutsch und Englisch eine nächste Anekdote hervorzuholen. Wie er seine Musik komponiere? Das sei ein Mysterium. In einem Hotel in der Schweiz sei er aufgewacht und habe die Kinder auf der Straße spielen gehört. Da er kein Papier hatte, schrieb er die Noten auf die Zimmerwand. Dass ohne Drummer Karma kein Oblivion auf Touren kommt, bewies er mit halsbrecherischen Soli, für die das Wort Tempo nicht ausreicht. Eher Turbostarter, für das auch die Gigs von Bassist Andreas Geck standen. Sie beide im Duo zu erleben, verlieh diesem Abend noch einmal eine Steigerung – ein aus den „Warm Regenbogen-Colors“ ausbrechender Hype.

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