Bloß keine Millionen heiraten

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„Die lustige Witwe“ in Weingarten: Mitgiftjäger umschwärmen die millionenschwere Witwe (Frauke Schäfer).
„Die lustige Witwe“ in Weingarten: Mitgiftjäger umschwärmen die millionenschwere Witwe (Frauke Schäfer). (Foto: Helmut Voith)

Begeistert hat das Publikum am Samstagabend im gut gefüllten Weingartener Kultur- und Kongresszentrum im Geiste mitgefeiert, als die „lustige Witwe“ Hanna Glawari das Maxim samt Grisetten zur Abendgesellschaft in ihr Pariser Stadtpalais eingeladen hat. Hier flogen die Beine samt der berühmten Rüschenröcke hoch, hier ist endlich der widerstrebende Graf Danilo in Hannas Arme geflogen. Mit allen weiblichen Waffen hat sie um ihn gekämpft und erst mit einer List gewonnen.

Franz Lehars unsterbliche Operette aus der „silbernen Operettenära“ hat das Thalia-Theater Wien in einer Koproduktion mit dem nordböhmischen Opernhaus Ústí nad Labem und der Kammeroper Prag nach Weingarten gebracht. Viel Temperament entfalteten Sänger, Ballett und Orchester nach der Pause im zweiten und dritten Akt, für den das schlichte, funktionale Bühnenbild mit Pavillon und Treppe zur Balustrade umgestaltet wurde. Üppige Kostüme und festliche Laune mussten verbergen, dass das pontevedrinische Fürstentum vor dem Ruin stand und Landesfürst samt seiner Beamten dringend auf die Glawarischen Millionen spekulierten. Mitreißend sind noch immer die Lieder wie Valenciennes „Ich bin eine anständ’ge Frau“ oder Danilos „Jetzt geh ich ins Maxim“, und manche Zuschauerin hörte man leise mitflüstern. Charmant füllte Frauke Schäfer als Operettendiva die Partie der Witwe, und auch mit gewisser Leibesfülle mochte Michael Kurz als Herzensbrecher Danilo durchgehen. Kokett spielte Heide Manser als Valencienne die „anständ’ge Frau“ und ließ Martin Mairinger als verliebten Camille de Rosillon Liebesqualen erleben. Gerne hörte man den kultivierten Stimmen, den girrenden und schmachtenden Koloraturen zu.

Dennoch hinterließ die Aufführung einen zwiespältigen Eindruck. Denn das kleine Orchester, das anfangs etwas klirrend aus dem Graben drang, ließ unter der Leitung von Milan Kañak die rechte Balance zu den Sängern vermissen, deckte sie so zu, dass die Verständlichkeit sehr darunter litt. Auch wenn man die Texte kannte, rauschten sie über einen weg, nur die Sprechtexte kamen verständlich herüber. Hier gab Rudolf Pfister als Kanzlist Njegus im Verein mit Ivaylo Guberov als Baron Mirko Zeta dem Affen kräftig Zucker. Überzogen war Ivaylo Guberovs Regie, wo die Pariser Kavaliere gar zu lächerlich hinter der millionenschweren Witwe hinterherrobbten, hüpften und hechelten – man hätte ihnen ihre Geldgier auch mit weniger Faxen geglaubt. So zog sich der erste Akt etwas dümmlich dahin, erst nach der Pause kam Leben ins Geschehen, entwickelte sich der Charme der Operette.

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